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THEJ. PAUL GETTY MUSEUM LIBRARY

MITTHEILUNGEN

DES KAISERLICH DEUTSCHEN

IKIlHÄEOLDfilüllHRS INSTITUTS

ATHENISCHE ABTHEILUNG

BAND XXIV

1899

MIT ZWOELF TAFELN.

ATHEN

BARTH & VON HIRST

1899

THE J. PAUL GETTY MUSEUM LIBRARY

I N HALT

Seite

F. von Bissing, Das Alter der Holzbüchse ausKahun. '186 Chh. Blinkenberg, Epidaurische Weihgeschenke. III.

IV (Tafel X) 294.379

A. Brueckneh, Strafverzeichniss aus Ilion . . . .451 A. Conze und C. Schuchhardt, Die Arbeiten zu Per-

gamon 1886-1898 (Tafel IX) 97

W. Doerpfeld, Die optischen Verhältnisse des grie- chischen Theaters 310

St. APArorMHs, "Ep^atov 455

M. Fraenkel, Zu den Inschriften von Pergamon . . 485 \V. Judeich, Der älteste attische Volksbeschluss . . 321

G. Kieseritzky, Der Apollo Stroganoff 468

A. Koerte, Rleinasiatische Studien. IV. Ein altphry-

gischer Tumulus bei Bos-öjük (Lamunia). V. In- schriften aus Bithynien (Tafel I-IV. XI. XII) . 1 .398

Th. Mommsen und U. von Wilamowitz - Moellen-

dorff, Die Einführung des asianischen Kalenders. "275

H. von Prott, Ein Up6< vöf/.o« der Eleusinien . . . 241

O. Rubensohn, Eleiisinische Beiträge (Tafel VII. VIII) 46

C. Schuchhardt s. A. Conze.

F. Studniczka, Über die Bruchstücke einer frühko- rinthischen Vase aus Aegina 361

Tu. Wiegand, Dystos (Tafel V. VI) 458

U. von Wilamowitz - Moellendorff s. Th. Mommsen.

A. Wilhelm, Nachträge zu der sogenannten Hetären-

inschrift ans Paros 345

B. /min, Zur Midasvase aus Eleusis 339

Seiti

E. Ziebarth, Ein griechischer Reisebericht des fünf- zehnten Jahrhunderts 72

L. Ziehen, Eu<ttov 267

LlTTERATUR 89.348

Funde 90.349. 187

slt/.ungspkotokolle 95

Ernennungen 96

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N, 1899, XXIV,!.

MITTHEILUNGEN

DES KAISERLICH DEUTSCHEN

IRilHAEOLOeiUHIl INSTITUTS

ATHENISCHE ABTHEILUNG

BAND XXIV

Erstes Heft mit tafel i -iv. vii. viii.

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ATHEN

BARTH & VON II I RS T

1899

Bei BARTH & von HIRST in Athen

ERSCHEINT

AIE8M2 E0HNEPI2 TlinOMmiATIKIIS APXAIOAöriAS JOURNAL INTERNATIONAL

DARCHEOLOGIE NIMISMATIQÜE

HERAUSGEGEBEN VON

J. N. SVORONOS

Direktor des Münzkabinets in Athen

Jährlich 4 Hefte in mit mindestens 20 Druckbogen und 20 phototypi- schen Tafeln, anderen Beilagen u. s. w.

Der I. Band ist erschienen, vom II. das 1. Heft.

Die Zeitschrift kostet jährlich fr. 20.— oder M. 10.— Bestellungen wolle man an die Verlagshandlung oder irgend eine andere Buchhandlung richten.

Athen, Universitätsstrasse 53.

Barth & von Hirst

DAS GRIEGHISCBIE THEATER

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE

DES DIONYSOS - THEATERS IN ATHEN

UND ANDERER GRIECHISCHER THEATER

VON

WILHELM DÖRPFELD

UND

EMIL REISCII

MIT XII TAFELN UND 99 ABBILDUNGEN IM TEXT

Preis 16 Mark.

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Phntolrpi* B. Kohlen, M. Gladbach.

IV.

VII.

VIII.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. (Hierzu Tafel L- IV)

Ein aliphatischer Tumulus bei ßos-öjtik (Lnmunia).

Die erste Station der anatolischen Eisenbahn auf der phry- üiselien llocliebene,die vom unteren Sakariatbal aus in scliwie- rigem Aufstieg erreicht wird,heisst Bos-öjük (Grauhügel). Das

Dorf liegt 'i5km nordwestlich von Eskischehir (Dorylaion), 740m über dem Meere in einer fruchtbaren, schwach bewässerten Tbalmulde, die rings von kahlen Höhenzügen eingeschlossen wird. Ausser der Eisenbahn berührt auch die grosse Chaussee Brussa-Kutaja den Ort. und man überzeugt sich leicht. dass zu allen Zeiten derllauptsveg von Bithynien zu den allen Phryger- städten Dorylaion, Kotiaion, Midaion. Pessinus hier entlang gegangen sein muss. Die kleine Mulde von Bos-öjük ist gleich- sam der Vorplatz für die weite Ebene des Sary-su und Porsuk, in der eine ganze Reihe bedeutender alter Städle lag, es ist daher nicht erstaunlich. dass seit Jahrtausenden an dieser Stelle eine, meist wol bescheidene Niederlassung bestanden hat. Eine herrliche von Kassim - Pascha erbaute Moschee und ein jetzt zerfallener Han sprechen für die Bedeutung des Platzes in früh- türkischer Zeit: in der seldschukischen Epoche hat diese kleine Ebene wahrscheinlich den Schauplatz für die gewöhnlich nach Dorylaion benannte Entscheidungsschlacht des erstenKreuzzugs abgegeben1, aus byzantinischer Zeit stammt eine von Doma-

1 Schlagend ha! \. d. Goltz (Anatolischc Ausflüge S. Ib5ff.j aus den Quellen erwiesen, dass die Schlacht nicht bei Dorylaion, sondern auf dem Wege von Nicaea dorthin Statt gefunden hat. Er schwankt zwischen Bos- öjük und [nönü als Schlachtfeld, für ersteres scheinen mir die Wegevi r- liiillnisse besser zu passen. Bei Bos-öjük mündet ein Weg von Sögüd, auf dem die Normannen während der Schlacht zu Hülfe kommen konnten, [nönü bat keine so gute Verbindung mit Sögüd. Andrerseits ist freilich die Ebene \<>n [nönü für die Entfaltung grosser Truppenmenpcn geeigneter.

ATHEN. MITTHEILUNGEN XXIV.

2 A. KOERTE

szewski veröffentlichte Inschrift (Archäologisch-Epigraphische

Mittheilungen VII S. 175 Nr. 20), und auch aus dem späteren Altertum hat derselbe Forscher bereits ein Relief mit Inschrift beigebracht (a. a. O. Nr. 19). das eine Ansiedluno; hier er- weist. Den Namen dieser Ortschaft lernen wir aus einer Grab- stele kennen, die im Frühjahr 1895 etwas östlich vor dem Dorfe hart an der Chaussee gefunden und im Hofe des Ahrif- Silistriali aufgestellt wurde. Der Stein ist 0,85'" hoch, 0.63'" breit, Ü,2Ü,U dick, über der Inschrift sind zwei rohe, sehr zer- störte Büsten angebracht, das Material ist Halbmarmor.

"EvÖoc äs t>)5 TratpiSo«; riüp[you] | 'Poöfpov TpocpijAOio

Qyiteüovt' I sv Aau.ouvt7) 7) Moip' s>ayavsv. | 5 -svTSxaisiKGTTü s~(e)i xyajjLOv [x[s] | öavövxa

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T(s)ipöasvot ts xarjiyv^TOi 7ra|vu xsvOs'i Auypü 10 uttoXayiv I aoi stp1 ooä) TauTTiv sgtyigoiv I sasivö»,

ävTi (asv oüv 6aXä | f/.oio Tätpo: ys'vsx' avxi §s TCa<rx[oC!] |

trojXXvjv u.ypu.aps'yiv Xuypöv | ayaAf*.a yöo-j.

Der Verfasser dieser sieben barbarischen Hexameter, die ein Pentameter abschliesst, hat auf die poetische Form Wert ge- legt; wo Versende und Zeilenende nicht zusammenfallen, ist der Versschluss jedesmal durch eine kleine Lücke und einen Punkt hervorgehoben. Die 2,5cm hohen Buchstaben sind sorg- fältig, erwähnenswert ist die seltene Form des umgekehrten (o v. Ligaturen sind nur wenig angewandt, eine sehr künst- liehe ist wol als Correctur aufzufassen. In dem Namen Aajxou- vö] war nämlich das n vor dem folgenden Artikel r> ausgelassen und ist dadurch hergestellt worden, dass der Steinmetz von der zweiten Hasta des N durch das I hindurch einen Querstrich zum folgenden H zog, so dass v mit den beiden r, ligirt und das i in das erste v eingefügt erscheint. Für den unvermählt lern von der Heimat gestorbenen Rufus passt die Zweizahl der Büsten nicht; die Brüder haben also einen fertig dekorirten Stein gekauft und seinen Schmuck ebenso wenig geändert wie z. B. eine Bürgerin des nahen Dorylaion, die ihrem Sohn He-

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 3

rodianos eine mit Rocken, Spindel und weiblichem Toiletten- gerät geschmückte Stele setzte1.

Z. 1. Die Vaterstadt des Toten ist nicht mil Sicherheit zu ergänzen. Einen Ort Pyrgos oder Pyrgoi gab es z. B. in Ly- kaonien; Ramsay setzt ihn vermutungsweise bei Obruk in der Salzwüste an [Historical geography ofAsiaminorS.Skbf.). Auch Pyrra wäre denkbar; ausser der bekannten Stadt auf Lesbos erwähnt Strabo XIV, 636 einen gleichnamigen Ort bei Milet.

Z 3. Wichtig ist, dass der Ort des Todes genannt wird. Der Name Lamunia war bisher nicht bekannt, er gehört zu den wenigen altphrygi sehen Ortsnamen, die nicht neutrale Endung haben wie Dorylaion, Kotiaion, Midaion. Amorion u. s. w., sondern feminine; Akmonia und Lagania sind die besten mir bekannten Analogien.

Z. 9. Am Wege ist der Verstorbene beigesetzt worden, und unmittelbar an der heutigen Chaussee ist der Stein gefunden. Nach Aussage des Finders war daneben noch das Pflaster der alten Römerstrasse erhalten . deren Lauf also mit dem der neuen Kunststrasse zusammenfällt.

Lamunia war in der römischen Kaiserzeit jedenfalls nur ein Dorf, sonst hätten bei den umfangreichen Erdarbeilen der Ei- senbahn und den zahlreichen Neubauten der letzten Jahre mehr antike Steine zu Tage kommen müssen. Den beiden er- wähnten Inschriften kann ich als vermutlich aus Lamunia stammend nur noch einen Stein hinzufügen, den ich etwa 5km östlich des Dorfs auf einem allen türkischen Friedhof sah. Altar aus llalbmarmor, stark verwittert und unten gebrochen. Höhe 0,50, Breite und Dicke 0,40'", Buchstabenhöhe 0,035'".

'Aya6^ xuyr,

Ad ßploVTWVTl

No<j[;.£p[tos

'IJOUAIO'J

« Noack, Athen. Miith. XIX, 1894, 8. 318 Fig. 2, dorl sind 8. 334, ^ ähnliche Fälle angeführt.

I A. KOEHTE

Eine zu dem Orte gehörige antike Nekropole liegt *2k'" west- lich von dem heutigen Dorf am südlichen Thalrand. Aus ihr stammt nach Aussage des Besitzers, eines Eisenbahnbeamten, ein guter 'megarischer' Becher (0.1 i"1 Durchmesser) mit See- wesen verziert, ferner ein kugliger, einhenkliger Krug aus rötlich grauem Thon mit rohen Verzierungen in Barhotine- Technik (Höhe 0,l6m) und ein plumper bauchiger Topf aus dunkelgrauem Thon mit zwei Henkeln. Zufällig wohnte ich der Öffnung eines Grabes durch Ziegelarbeiter bei, die aus dieser Nekropole Steinplatten zu entnehmen pflegten, und eine Beschreibung des Befundes scheint mir nicht überflüssig, da Grabanlagen in dieser Gegend kaum je beobachtet sind. Das wie alle andern leeren Gräber der Nekropole nach Osten orien- tirte Grab, hatte eine Länge von V"\ eine Breite von !"' und ebenso grosse Tiefe. Es war an den Seiten mit grossen roh behauenen Kalksteinplatten ausgelegt und mit zwei eben- solchen Platten bedeckt; da sich eine der Deckplatten ver- schoben hatte, war das Innere mit Sand gefüllt. Die Sohle des Grabes war nicht mit Platten belegt. Es enthielt die sehr vermorschten Gebeine zweier Erwachsener, nach den Beiga- ben Mann und Frau, und eines Kindes; alle drei Schädel la- gen im Westen, sahen also dem Aufgang der Sonne entgegen. Von Kleidung und Schmuck der Toten waren einige eiserne Schuhnägel, eine einfache Gürtelschnalle und ein silberner Pingerring des .Mannes , sowie zwei silberne Ohrringe und zwei dünne bronzene Pingerringe der Frau erhalten. Die ein- zigen sonstigen Beigaben waren drei kleine Kupfermünzen von schlechter Erhallung. Herrn van VIeutens geübtem Auge ge- lang es, wenigstens zwei \on ihnen als Kleinerze von Quinar- Grösse des Yalentinian II (375-92) und des Arcadius (395- 408; Sabatier, Monnaies byzantines S. Kit» Nr. \ 1 ) zu be- stimmen, danach gehört das Grab also in den Anfang des V. Jahrhunderts. Wir dürfen in dieser Zeit als sicher annehmen, dass die Bestatteten Christen waren, aber das hat ihre Ange- hörigen nicht gehindert, ihnen das Fährgeld für den heidni-

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 5

sehen Charon mitzugeben1, ßs schein) fast, ilass dieser uns in der Litteralur ersl durch Strabo VIII. 373 und Lukian ' De /acta 10. Mort dial. 11. i) bezeugte Brauch ursDrünsr- lieh aus Kleinasien stammt. In Athen herrschte er in 1er klas- sischen Zeit nicht2, wie Brückners und Pernices sorgfältige Untersuchungen ergeben haben (Athen. Mitth. XVIII, 1893, S. 187), dagegen findet er sich in der hellenistischen Nekro- pole von Mvrina ( Pottier- Reinach. NecropoU de Murina S. 106); auf östlichen Ursprung deutet ferner die vulgiire Be- zeichnung SavixY] für den Oholos der Toten ( llesychios s. v.) und endlich spricht dafür die Zähigkeit, mit der sich bis in unsere Zeit nicht nur die Sitte sondern auch der Name ~iz%- fixtov gerade in Kleinasien behauptet haben3.

Unvergleichlich viel wichtiger als diese Beste der spätrömi- seben Zeit sind die einer altphrygischen Niederlassung, die rund 2000 Jahre älter sein wird als das eben besprochene Grab Der Hauptsitz dieser Absiedlung scheint eine etwa 70m hohe Felskuppe zu sein, die sich im Nordwesten unmittelbar neben dem Dorf erhebt Mauerreste vermochte ich zwar auf der Kuppe nicht zu entdecken, wol aber verschiedene Felsarbei- ten, deren Zeit sich aus den massenhaft verstreuten altphry-

1 Die Münzen lagen in [landhöhe, waren also nicht zwischen die Zahne

der Toten gekle I.

2 Die bekannte Sielte bei Aristophanes [Frösche 140 und 270 f.] setzl die Sitte nicht voraus, Dionysos entrichtet ja für sieh allein 2 Obolen. All- raählich rauss die Sille freilich auch in Anika Aufnahme gefunden haben: wir lesen in Monis atheistischem Lexikon xocT(T?{piov töv toü vexpoO o6oXrfv.

:| Wachsmuth, Das alte Griechenland im neuen S. 1 1 T nach Protodikos

mir nicht zugänglichem Buch tlspi ~ft; rcoep' »jjitv xaiprj; jj.tta aT)|AEito<J6ü>V xai

napaooXöiv npöj tt^v -ra«pr(v töv ipyaitov. Eine in Wacbsmuths h'lu reicher Zu- sammenstellung der neugriechischen Bestattungsgebräuche nicht erwähnte Siiie, die zweifellos auch aus dem Altertum stammt, möchte ich hier nach- tragen Als mein bosnischer Diener griechisch-katholischer Uonfession Waso Brezanin in Konstantinopel beerdig! wurde, goss der Priester, un- mitlelbar nachdem der Sarg hinabgesenkt war, eine Flasche Rotwein in die Grube. Das ist die spende, die Achilleus ausgiesst, wahrend Patroklos Scheiterhaufen brennt fF,?l8ff.) und die auch in späterer Zeil den im Grabe verbrannten Toten dargebracht wurde (vgl. Brückner-Pernice a.a.O. S. 158).

6 A. KOERTE

irischen Scherben annähernd bestimmen liess. Eine der Scher- ben (abgeb. Taf. III. 18) trägt ein eingeritztes Zeichen, das Poppelreuter gewiss richtig mit einigen in Troja beobachteten Schriftzeichen oder Gefässmarken zusammengestellt hat (Arch. Jahrbuch X. 1895, S. 21*2 Fig. 4). Von Felsarbeilen sind aus- ser einigen am Sudrand der Kuppe in einem engen Spalt ab- wärts Führenden Stufen vor allem zwei grosse sorgfältig gear- beitete Cisternen erhalten. Die grössere misst an ihrem oberen Hände 0,55 zu 5,60'", die andere 6,10 zu 5,37'", beide sind ungefähr 6'" tief, haben also einen Rauminhalt von 2*20 bez. 1961'1"" und lassen eine nicht unbeträchtliche Burgbevölkerung voraussetzen. Schwerlich war diese auf ihre Wasserversorgung so eifrig bedachte Ansiedluns ganz unbeschützt; man wird vielleicht eine Mauer aus Lehmziegeln für sie annehmen dür- fen. Etwas genauer werden wir nun über die Kultur der Burgherren durch einen Tumulus nahe dem Fuss des Felsens unterrichtet, der für einen oder mehrere von ihnen aufgeschüt- tet worden ist.

Ramsay hat einmal geäussert, Tumuli seien in Phrygien et- was Seltenes [Journal of Hellenic studies III S. 18), und Hirschfeld bezeichnet sogar eine Linie von der Propontis nach Karien als Ostgrenze der Tumuli ( Abhandlungen der berli- ner Akademie der Wissenschaften 1885 S. 30); das ist ein erstaunlicher Irrtum. In allen Ebenen Phrygiens , die ich kenne, giebt es zahlreiche Tumuli ', sie liegen streckenweise in so regelmässigen Abständen an der Strasse, dass man in

1 Ausser der grossen Nekropole bei Gordion (vgl. Athen. Milili. XXII, 1897, S. 2?) notirle ich mir folgende Tumuli, last alle längs der Bahnli- nien Bos-iijük- Eskischehir- Angoraund Eskischehir - Konia gelegen i) vor Akbunar, 2) bei Oklubalu, 'S] 31"» westlich von Eskischehir, 1) und 5| bei Alpuköi, 6) hei Usunburun, 7) bkm westlich von Saryköi, 8l bei Saryköi, 9) hei Malliköi, 10) bei Köktsche-kissik, lli bei Sapundschi-bunar, 12) und 13) zwischen Alajund und Kutaja, 14) und 15) bei Aktscbim, 16) bei Kuin- lary, 17) und 18) nahe dein Eber -gj öl. Die Liste Hesse sieh leicht vervoll- ständigen. Über einen ü). Tumulus, der eine besondere Stellung einnimmt, s. den Excurs am Ende des Aufsatzes,

KLEINASUTISCHE STUDIEN. IV. 7

ihnen hat Wachtbügel sehen wollen. Ober den sepulcralen

Zweck des Tumulus in Bos-Öjük war kein Zweifel mehr möglich, als ich etwa 200'" von ihm entfernt auf einem alten türkischen Friedhof seine steinerne ßekrünung fand. Der Taf. I, 1 abgebildete Stein ist 1,05"' hoch; er besteht aus einem spitzen nur roh hehauenen Zapfen, der zur Befestigung diente und nicht siebtbar war, einem konischen Schaft und einem halbkugelförmigen Kopf (Durchmesser 0.95"'), der von dem Schaft durch eine schmale Leiste getrennt ist; das Material ist ein harter Kalkstein mit vielen Löchern. Grabbekrönungen dieser Form sind bisher besonders bei Smyrna in der dem sogenannten Tantalosgrabe benachbarten Nekropole beobach- tet worden1; die Grösse der dort gefundenen schwankt nach Weberzwischen 0,46'" und l,i6"\ erreicht also die Abmes- sungen des lamunischen nicht. Anderwärts hat man auf diese Grabaufsätze bisher weniijer pachtet, sie sind aber in uanz Phrygien häufig. Ramsay sah sie vielfach in der Gegend von Apameia-Kelainai 2 und ich fand 13 Lxemplare an verschie- denen Orten Nordpbrygiens, in \izanoi, Doi'ylaion und mehre- ren Dörfern zwischen dem Oberlauf desPorsuk und dem mitt- leren Sakaria. Ihr Verbreitungsgebiet deckt sich im allgemei- nen mit dem der Tumuli, doch sind nur selten Tumuli in ihrer unmittelbaren Nähe nachweisbar. Alle von mir beo- bachteten Stücke waren erheblich kleiner als das von Lamu- nia, sie massen zwischen 0,68'" und 0,90'". Diese Steine sind meist als Phalloi gedeutet worden3, und gewiss mit Becht4.

* Weber, Le Sipylos cl ses mbnuments Taf. 2 S. 21 f., danach Perrot-Chi- piez, Hisloirc dcl'arl V Fig. 18, 19.

2 Journal of Hellenic sludies IX S 352. Rainsäj hall sie irrigerweise für römisch.

:1 Weher; Perrot; Beiger, Arch. Anzeiger 1892 S. 65.

■'* Für Phalloi hal man auch die beiden Steine auf und am Alyattes-Grabe beim gygäischen See erklär! ( Hamilton, Hesearches in Asia minor I 8. I i">. Prokesch- Osten, Erinnerungen III S. 162, Perrol a.a.O. 8. 272f. . aber v. Ol fers Widerspruch dagegen [Abhandlungen der berliner Akademie der Wissenschaften 1858 8. 546 ] scheint mir durchaus begründet. Nach Spie- gelthals Zeichnung ( a. a. O. Tat'. 3, l ) isi der grössere Stein eine ?olle, auf

A. KOK UTE

Man linl dagegen eingewandt, dass die Form dieser Steine mit dem männlichen Glied doch nur geringe Ähnlichkeit habe und die Darstellung eines Phallos ohne Testikeln von vorn- herein unwahrscheinlich sei, aber diese Einwände halten bei genauerer Überlegung nicht Stich, \ls Iiisst sich zunächst eine merkwürdige Analogie aus dem fernen Osten Asiens bei- bringen : Dasjenige Volk, welches in unserer Zeit das uralte Symbol schöpferischer Naturkraft am höchsten hält, sind die Japaner. Über das Fortbestehen des von der japanischen Re- gierung bekämpften Phalloskultes im Volke macht Schedel in der Zeitschrift für Ethnologie 1895 (Verhandlungen S. 627ff.) interessante Mitteilungen, und in einer besonderen Monogra- phie hat der Amerikaner Buckley diesen Kult behandelt ( The Phallicism in Japan, Chicago 1895)'. Alle von Schedel abgebildeten und ebenso die durch ihn dem berliner Museum für Völkerkunde überwiesenen Stücke, die aus den verschie- densten Materialien, aus Bronze, Holz. Stein, Thon, Papier- mache verfertigt sind, bilden das Glied ohne Hoden nach, nicht selten in starker Stilisirung, die den Formen der phry- gischen Steine nahe kommt (vgl. besonders Schedel Fig. 4, 6, 7,9) Wenn sich also die Phantasie der Japaner einen tes- tikellosen Phallos als Symbol gefallen lässt, so schwächt das die Bedenken beträchtlich ab, die man bisher gegen die gleiche Deutung ähnlicher Symbole bei den Völkern des Altertums eingewandt hat.

Wenigstens ein sicheres Beispiel eines Phallos ohne Hoden vermag ich aber auch aus dem Mittelmeergebiet beizubringen.

einer ganz flachen Basis aufsitzende Kugel, die mil einem Phallos keim' Ähnlichkeil hat. Sollte diese Form doch ;nh den alten Phalloi l>ir«*leitet sein, so isi jedenfalls deren Bedeutung ganz vergessen gewesen. Ks wäre dringend zu wünschen, dass der geschichtlich so wichtige Tumulus einmal von einem Fachmann untersuchl würde; Olfers Bericht ist teilweise unver- ständlich und keinesfalls genau; für schlechterdings unmöglich halte ich seine Zeichnung <les gewölbten Ganges iTaf. i, 3, danach Perrot-Chipiez a. a. 0. Fig. 162).

' Über einen Phallosslein auf den Hawaii-Inseln berichtet A. Krämer im Globus IAXIII, 1898, Nr. 1.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 9

Das bonner Akademische Kunstmuseum besitzt eine auf Tat". I, 2 abgebildete 10'" hohe Statuette aus ägyptischem Porzellan. die aus Cypern stammt. Auf einer niedrigen brettartigen Ba- sis steht eine nackte Frau, deren Oberteil von den Brüsten an fehlt. Die Körperformen sind nur ganz roh angelegt, der Bauch mit dem stark vertieften Nabel ist viel zu kurz, un- förmig gross dagegen der fast die ganze Körperbreite einneh- mende, durch schwarze Umrahmung noch ganz besonders hervorgehobene Geschlechtsteil. Dieser Umstand lässt auch über die Bedeutung des Gegenstandes keinen Zweifel, der auf den geschlossenen Füssen der Frau steht und ihr bis ans Knie reicht. Es ist ein Phallos ohne Hoden, in der Ausführung ebenso roh wie der Frauenkörper. Dies kleine Denkmal gestattet nun weitere Schlüsse. Wir finden auf dem hochaltertümlichen Denk- mal Fflatunbunar im südlichen Phrygien untereinem Baldachin als Gegenstand der Verehrung ein Gebilde aufgestellt, das nach Sarres ausgezeichnetem Lichtdruck ( Archäologisch -Epi graphi- sche Mittheilungen XIX Taf. 1 1 aus einem konischen Schaft und einem ausladenden runden Knopf besteht. Sarres Deutung (a.a.O. S. 19) dieses Gegenstandes als Phallos wird durch die cyprische und die japanischen Analogien entscheidend bestä- tigt, und damit sind auch die phrygi sehen Grabaufsätze als Phalloi erwiesen, denn sie stimmen mit dem Kultsymbol des Reliefs völlig überein. Das aiSoiov 6p66v im toö [JABpou, das die Kyllenier als Hermes verehrten (Paus. VI, 26,5), ist ein grie- chisches Gegenstück zu dem Relief in Eflatun-bunar und Bel- gers Vermutung (Arch. Anzeiger 1892 S. 64 f.). das mit Avv Orestes-Sage verknüpfte Aax.TUAo-j u.vr^.x in Arkadien ( Paus. VIII, 34, 2) sei ein missverstandener Grabphallos. scheint mir sehr beachtenswert.

Nicht leicht zu beantworten ist die Frage, welche Vorstel- lungen dazu geführt haben, grade das männliche Glied zum Grabaufsatz zu wählen. Man könnte in ihm einfach ein Apo- tropaion erblicken, das böse Geister und menschliche Grab- räuber von dem Hügel fern halten sollt»', aber ein andersarti- ger Aufsalz auf einem lillerariseh bekannten Tinuulus legt

10 A. KOEHTE

meines Erachlens eine andere Erklärung näher. Pausanias sah in Pergamon das Grab der Auge (VI IL 4, 9) yr,; X0!** AlfJoj

Trecic^öasvov jtpr.Tioi, etti ö£ sv tw f/,vv)U,a.Tl 67ci0r,f/.a ya7.x.0'j 7r£7roiY)-

fxlvov, y'jvy; yjavy;. Was bedeutet das nackte Weib auf dem of- fenbar urallen Grabhügel? Ich denke, etwa dasselbe wie die Phalloi. Fs lässt sich immer wieder beobachten, dass auf das Grab gesetzt wird, was ursprünglich hinein gehört1. Die stei- nernen Lekythen und Lutrophoren auf den Gräbern der Athe- ner sind Nachbildungen der dem Toten mitgegebenen Gefässe, und alle jene Geräte des täglichen Lebens, die den Toten ei- gentlich in Wirklichkeit begleiten sollen, werden auf den plirygischen Grabsteinen der Kaiserzeit in Relief abgebil- det (vgl. Noack, Athen. Mitth. XIX, 1894, S. 315 ff.). Auch das nackte Weib so gut wie der Phallus gehören eigentlich in den Grabhügel hinein: den besten Beleg dafür liefert die doch sicherlich einem Grab entstammende oben be- sprochene Statuette aus Cvpern. Den Verstorbenen so aus- zustatten, dass er im Grabe nicht etwa Mangel leidet und da- durch wieder in die Oberwell gescheucht wird zur Beängsti- gung der Überlebenden, ist ja eine Hauptsorge der Angehöri- gen. Nahrung und Kleidung dienen seinen nächsten Bedürf- nissen, aber auch die erloschene Zeugungskraft will man le- bendig erhalten durch Symbole der Fruchtbarkeit wie Eier und Granatäpfel, die z. B. den heroisirten Toten der altspar tanischen Stelen und des Ilarpyienmonuments dargebracht, aber auch in Nachbildungen ins Grab mitgegeben werden, durch obscöne Frauenfigürchen und durch phallische Dämonen. Ja selbst die derb obscönen Wandbilder etruskischer Gräber wer- den solchen Zweck haben. In diesen Vorstellungskreis fügen sich die cyprische Statuette, die nackte Frau des pergameni- schen Tumulus und die Phalloi der plirygischen aufs beste ein, deshalb möchte ich diese Erklärung (\vi- eigentümlichen Grabbekrönungen für sehr wahrscheinlich halten.

' Ich verdanke diesen Hinweis, wie den Kern <I<t hier entwickelten Vor- stellungen Löschcke, ohne ihm doch die Verantwortung für die Einzelhei- ten zuweisen zu können.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 11

Mein Wunsch, das Innere des Turaulus von Bos - öjük ken- nen zu lernen, wurde überraschend schnell erfüllt. Die Di- rektion der anatolischen Eisenbahn sah sie!) genötigt, einen Sumpf unmittelbar neben der Station Bos-öjük auszufüllen, und kaufte den Hügel an. um seine Erde hierfür zu verwen- den. Die Abtragung begann am .">. Juni 1895 und wurde zunächst bis zum 8. August fortgeführt, dann trat in Folge von Misshelligkeiten mit den türkischen Behörden eine Un- terbrechung der Arbeiten ein, die erst im Januar 1896 wie- der aufgenommen und im Februar beendet wurden. Wah- rend des zweiten Zeitraums wohnte ein Beamter des Kaiser- lich Ottomanischen Museums den Arbeiten bei. während des ersten habe ich sie so viel beobachtet als mir möglich war; ausserdem verstand es sich bei dem lebhaften wissenschaft- lichen Interesse des Herrn Generaldirektors von Kühlmann von selbst, dass den Aufsehern und Arbeitern die sorgfältigste Erhaltung aller antiken Beste zur Pflicht gemacht wurde. Ich möchte nicht unterlassen, hier noch einmal dem Strecken mei- ste r Tria meinen herzlichen Dank auszusprechen für die uner- müdliche Sorgfalt und die Umsicht, mit der er die Arbeiten der Wissenschaft nutzbar zu machen suchte; ohne seine selbstlose Hülfe hätte ich die gewonnenen Ergebnisse kaum erzielen kön- nen. Was also bei einer rein industriellen Grabung für die Wissenschaft zu erreichen war, ist wol erreicht worden, aber von einer streng methodischen Erforschuno; des Hügels konnte keine Bede sein. So weiss ich auf eine Reihe sich aufdrän- gender Fragen keine sichere Antwort zu geben, aber dennoch darf die Wissenschaft die ohne ihr Zuthun erfolgte Aufdeckung wie eine gelegentliche Recognoscirung dankbar verwerten. Es ist nun festgestellt, dass die Tumuli des Hochlandes Beste der ältesten phrygischen Kultur enthalten, und damit ist hof- fentlich der Anstoss gegeben , andere Hügel derselben Art gründlich und methodisch zu erforschen1.

i Am besten würde eine solche planmässige Untersuchung bei den Grab- hügeln von Gordion einsetzen,

12 A. KOEHTE

Als die Arbeiten begannen, hatte der Flügel eine Höhe von fast 11'" und einen unteren Durchmesser von 'iU"\ Aufseiner Spitze sah ich die Spuren früherer Grabungen und erfuhr, dass vor einigen Jahren ein türkischer Ollizier sicli habe &uf dein Hügel t'in Sommerhaus bauen wollen und zur Vergrös- serung der Fläche die Spitze halte abtragen lassen. Die Ar- beiten wären aber bald aufgegeben worden, weil man dicht unter der Oberfläche auf menschliche Geheine gestossen sei. Letztere Angabe bestätigte sich hei der Abtragung es fanden sich nämlich ohen auf dein llü^el in geringer Tiefe fünf wo 1- erhaltene Skelette. Ich war bei der Auffindung zweier von ihnen gegenwärtig und kann bestimmt behaupten, dass sie mit der altphrygischen Anlage nichts zu thun haben; ihr Er- haltungszustand wich von den unten im Hügel gefundenen Geheinen durchaus ab, sie lagen, nach mohamedanischem Ri- tus orientirt, in reiner Erde, die keinerlei Brandspuren auf- wies, Knochen von Opfertieren oder sonstige Beigaben fehl- ten durchaus, und ebensowenig war etwa eine Sleinsetzung vorhanden, wie bei den oben beschriebenen spätgriechischen Gräbern. Danach glaube ich, dass die von den Arbeitern so- fort bestimmt ausgesprochene Ansicht, dies seien mohame- danische Tote, die man wieder eingraben müsse, das Richtige traf. Der Hügel hat wol zeitweise in dem Rufe gestanden den Leib eines mohamedanischen Heiligen zu bergen und ein Grab in dessen Nähe wird frommen Türken begehrenswert erschienen sein 1.

Da die Abtragung des Hügels nicht von ohen nach unten fortschl'itt, sondern an der Ostseite begann und in parallelen Schnitten vorrückte etwa wie man ein rundes Urol schnei- det— so war die ganze Anlage am besten zu übersehen, als die Hälfte fortgekarrt und der iniliiere Durchschnitt freige- legt war Dabei bot sich folgendes Bild. Die Hauptmasse des Flügels bestand aus lehmiger mit vielen grossen Steinen durch -

1 Türkische Gräber in alten Ihrakiscben Tuinuli erwähnt Weiscr,Mitthei lungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien II. 1872, S. 141,

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 13

setzter Erde, aber diese braungraue Masse wurde in Abständen von 1-2'" durchzogen von vier farbigen Streifen, deren jeder sich aus einer Koblen- , einer Aschen und einer rotgebrann- ten Erdschicht zusammensetzte. Die Dicke der ziemlich gleich- massig wagerecht verlaufenden Schichten war verschieden, z. B. mass die oberste Aschenschicht 30cm,die andern nur 10- 15c,n. Eine fünfte Schichtgruppe ist auf der Sohle des Hügels anzunehmen. Wenn hier auch die einzelnen Schichten beim Aufdecken sofort durch die Füsse der Arbeiter, die Karren und die herabstürzende Erde durcheinander gemischt wurden, Messen sich doch die Spuren eines sehr starken Brandes nicht verkennen. Auffallenderweise schienen aber in der .Mitte des Grundkreises auf einem Fleck von etwa 3'" Durchmesser die Brandspuren zu fehlen, die Erde schien mir dort nicht ge- rötet, und ich konnte weder Asche noch Kohle feststellen.

Verbrannte Knochen, Thonscherben, Stein Werkzeuge und vereinzelte Metallgeräte fanden sich durch den ganzen Hügel verstreut, am dichtesten lagen sie in und unmittelbar über den Aschenschichten, und von diesen war wieder die unterste die ergiebigste. Menschliche Schädel wurden im Ganzen fünf gefunden, sämtlich nahe der Sohle des Hügels: zwei davon be- linden sich jetzt in der Sammlung des Herrn GeheimratVirchow und sind von ihm in der berliner anthropologischen Gesell- schaft am 15. Februar 1896 besprochen worden (vgl. Ver- handlungen der berliner anthropologischen Gesellschaft 18D6 S. 123 ff.)-

Auf Grund meiner Beobachtungen glaubte ich vor der voll- ständigen Abtragung des Hügels annehmen zu dürfen, dasa der eigentliche Herr des Tumulus noch unter der Mitte der Hügelsohle in einer Grube liege, dass über seinen Gebeinen zunächst ein geringer Erdhügel aufgeworfen und rings um ihn Tier- und Menschenopfer verbrannt worden seien. Spätere Totenopfer seien dann jedesmal mit einer starken Erdauf- schüttung verbunden worden, bis der Hügel die gewünschte Höhe erreicht hatte und in dem Phallos seinen Abschluss fand. Diese von mir in verschiedenen Vorträgen entwickelte (vgl.

14 A. KOERTE

Verhandlungen der berliner anthropologischen Gesellschalt 1890 S. 123) und von meinem Freunde P. Krelschmer in seiner

Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache S. 175 mitgeteilte Hypothese ist durch die Fortsetzung der Erdarbei- ten nicht bestätigt worden. Nach einein Bericht des Herrn In- genieur Avienna, dem die Arbeiten unterstellt waren, hat man nach Abtragung des Hügels auf seiner Sohle zwei sich krcu- zende Gräben von 1, 2 0m Tiefe gezogen, ohne irgend welche

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Spuren der von mir vorausgesetzten Grube zu finden. Ich wage keine neue Vermutung über die erste Anlage des Tumulus auszusprechen und kann nur das mit Sicherheit behaupten, dass eine Grabkammer oder eine starke Steinsetzung in der Mitte des Hügels nicht vorhanden war. Auch (\ov Erklärung der autgefundenen Skelette als Reste von Menschenopfern stehen stärkere Bedenken entgegen, als ich früher annahm. Nach der Angabe eines Augenzeugen , des Herrn Ingenieur Moscalelli, lag ein Skelett schräg nach unten und innen geneigt die Beine an der Peripherie, den Kopf der iMitle zugekehrt und war ganz von Steinen umgeben. Wenigstens für diesen Toten werden wir eine Nachbestattung annehmen müssen, ob auch für die Übrigen, bleibt zweifelhaft. Jedenfalls ist aber die Ge- samtanlage durch die Nachbestattungen nicht wesentlich beein- llusst worden, denn die oberen Aschen- und Ivohlenschichlen fand ich nirgends von andersfarbigen Erdmengen durchschnit-

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ten. Demnach glaube ich daran festhalten zu dürfen, dass der ganze Tumulus zunächst für einen Toten bestimmt war und in vier durch bedeutende Totenopfer markirten Absätzen auf- geschüttet wurde. Es liegt nahe, die einzelnen Abschnitte mit bestimmten Gepflogenheiten des Folenkultes in Verbindung zu bringen und Usener weist mich darauf hin, dass die alten heiligen Tage des griechischen Totenkults der dritte, neunte, dreissigste und der Jahrestag den vier oberen Schichten ent- sprechen würden (vgl. Usener, Theodos. S. 135). Wenn spä- ter andere Geschlechtsgenossen in demselben Hügel beigesetzt wurden, so entspricht das durchaus dem in Mykene und an- derwärts geübten Brauche der ältesten Zeiten, auch im Tode

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 15

den Einzelnen von seiner Sippe nicht zu trennen. Welche Fundstücke etwa bei den Nachbestattungen in den Hügel ge- kommen sind, kann ich nicht angeben, auch die an sich so wünschenswerte Scheidung der Funde nach den Schichten war aus äusseren Gründen undurchführbar. So viel ich sehen konnte, waren die Funde aller Schichten gleichartig. Zwei- felhaft bleibt endlich, ob die einzelnen Erdschichten von re- gelmässigen Steinringen eingefasst waren; Spuren von solchen glaubte ich an einigen Stellen zu sehen, doch hat der sehr sorgsame Aufseher sie nirgends auf längere Strecken hin ver- folgen können.

Funde1

Ausser den von Virchow a.a.O. vom ethnologischen Stand- punkt aus besprochenen menschlichen Gebeinen wurden zahl- reiche Tierreste gefunden, welche Virchow und Nehring als Gehörn und Knochen vom zahmen Bind, dem Schwein, der Ziege, dem Damhirsch und einer dem Edelhirsch verwandten llirschart bestimmten; Dragendorff erwähnt unter den in Kon- stantinopel verbliebenen Knochen auch einen Hundeschädel.

An vegetabilischen Funden sind beträchtliche Mengen ver- kohlten Getreides zu nennen, die an verschiedenen Stellen besonders grosse Mengen in der zweiten Schicht von oben über der Asche verstreut la^en. Da sich Scherben eines grösseren Topfes in unmittelbarer Nähe des Hauptfundes nicht nach- weisen Hessen, so möchte ich glauben, dass man das Getreide ohne Gefäss mit vollen Händen in das Opferfeuer geworfen hat. Die dem Museum der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin zur Verfügung gestellten Proben enthalten nach Herrn Geheimrat Wittmack (Sitzungsberichte der Gesellschaft na- turforschender Freunde zu Berlin 1896 Nr. 3 S. 27 ff.) ge-

1 Herr Professor Dragendorff war so liebenswürdig imS mmer 1 806 die nach meinem Portgang gemachten Funde in Konstantinopel durchzusehen und die henii'i kciisw t'itrn zu beschreiben. Für die Erlaubnis* zur Veröffent- lichung der im Tscbinili- Kiosk aufbewahrten Stücke bin ich s. Bxcellenz

Hamdy-Bey zu erneutein Danke verpflichtet.

16 A. KOERTE

meinen Weizen (Triticum vulgare Villars), gemeine Gersle (Hor- deum hexastichum oder tetrasticlium Körnicke), gemeine Erve (Ervum ervilia L.) und rotblühende Platterbse (Lathyrus ci- cera L.), ausserdem als Unkraut unter dem Weizen, verein- zelt auch unter den Platterbsen den Samen des epheu blättri- gen Ehrenpreis (Veronica chamaedrys L ). Weizen und Erve sind auch in Troja gefunden worden ', Gerste und Platterbse dagegen nicht. Proben der Holzkohle des Hügels bestimmte Wittmack als von einem Nadelholz herrührend, und ebenso erwies Herr Professor Noll in Bonn ein ziemlich gut erhaltenes wol als Griff eines Gerätes benutztes Holzslück als Wurzelholz eines Nadelbaumes. Die Fichte oder Kieler spielt ja auch in dem Kult der Kybele und des Attis eine wichtige Holle und noch heute bestehen die spärlichen Wühler, die es auf dem Hochlande ijiebt. fast ausschliesslich aus Nadelholz.

Unter den von Menschenhand bearbeiteten Gegenständen will ich zuerst die nicht-keramischen besprechen.

Gerätschaften aus Stein sind nicht sehr zahlreich, ich beo- bachtete folgende, meist nur in je einem Exemplar vertretene Arten :

1) Sogenannte Keulenköpfe, wie sie in der jüngeren Stein- zeit allenthalben vorkommen (vgl. Sophus Muller, Nordische Altertumskunde I S. 144 und Abb. 47). Ein Stück aus schwärz liebem sehr festem Gestein (abgeb. Tal. IV. 2) hat die Form einer abgeplatteten Kugel von O,!"/'" grösstem Durchmesser, das runde Loch für den Stil misst im Durchmesser vcm. Ein anderes nur zur Hälfte erhaltenes Exemplar besteht aus sehr schönem blauem Stein (Lapis lazuli ?), es ist weniger altgeplat- tet und gleicht dem von Schliemann im Tumulus des Prote- silaos gefundenen Stück (Troja Fig. 135).

2) Steinmeissel. ebenfalls in den überall auftretenden For- men der jüngeren Steinzeit . bald länglich wieder Tai'. III, 13 abgebildete, der 5 zu 2,"2CI" misst und aus graugrünem nephrit-

' Vgl. besonders Wittmack, Verhandlungen der berliner anthropologi- schen Gesellschaft 1S90 S. 614 (T.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 17

ähnlichem Siein besteht1, bald unten breit wie Tat'. III. 14, dessen Material ein dunkelgrüner Stein mit hellen Adern ist, und dessen Masse 3,5 zu ?,5cm sind.

3) Ein Schleuderstein von schwärzlichem Gestein (Häma- tit), 4a" lang, vortrefflich polirt, von der Form eines Dattel- kerns, Lienau entsprechend den hei Schliemann, llios Fig. 6U9- 614 abgebildeten Stucken; Schliemanns Erstaunen (a. a. (). S. 480) darüber, dass an die sorgfältige Formung und Glättung von Schleudersteinen eine so gewaltige Arbeit verschwende! wurde, obwol viele doch heim ersten Wurf verloren gehen mussten, ist sehr gerechtfertigt, seine Deutung dieser Körper scheint aber durch den Vergleich der späteren Blcigeschosse gesichert.

5) Gegenstand aus llämatit in Form einer modernen Spitz- kugel von 3,-2c'" Länge (Taf. IV, 9). Der grösste Teil des flachen Bodens ist leider abgesplittert und dalier der Zweck des Ge- räts nicht sicher festzustellen; kleine Kesle regelmässig einge- grabener Vertiefungen machen es aber wahrscheinlich, dass der Stein den von Schliemann wol mit Recht für Siegel er- klärten Thongeräten (llios Fig. 492-9'J) entsprach.

5) Bruchstück einer Säge aus Silex in Form und Grösse etwa der llios Fig. 605 abgebildeten gleich.

6) Bruchstück einer Gussform lür einen Dolch (Taf. IV. 1 in Ansicht und Querschnitt), Breite der Oberfläche ~> "". grösste Länge der Oberfläche .V". Die Verjüngung des erhaltenen Stücks isl so stark, dass die Länge der Klinge vom oberen Bruch an auf 20cnl geschätzt werden kann. Ein in dieser Form gegossener Dolch würde im Wesentlichen mit dem von Dünun- ler Athen. Mitth. XI, 188(5, S. 218 Beilage I. 14 veröffent- lichten cyprischen Dolch und den troischen llios Fig 811, 812, 901 übereinstimmen. Von den troischen Gussforraen steht die llios Fig. 1267 abgebildete dieser phrygischen besonders nahe, auch die schräg zur Klinse verlaufenden Kerblinien, die

1 Nach 1 lo i ii» Professor Raufl's Untersuchung isl es jedoch kein Nephrit.

ATHEN. MITTHEILUNGEN XXIV. "2

18 A. KOEftTß

wol das Entweichen der Luft beim Guss befördern sollten, kehren dort wieder.

7) Gerät aus Stein zu unerklärtem Gebrauch (Taf. IY\3), Länge 3l"\ Höhe und Breite 12,2C,U. Der Stein hat die Form eines länglichen Klotzes, auf der Oberseite ist eine last 1CI" breite, 3""u tiefe Rille eingearbeitet, neben ihr ziehen rechts zwei scharfe Ritzlinien entlang, eine andere Ritzlinie zieht sicli senkrecht zu diesen von der Kante der Oberseite über die bei- den Langseiten und die Unterseite. In der Mitte der einen Langseite befindet sich eine runde flache Vertiefung. Im WC- sentlichen durchaus gleichartige aber grössere Steine hat Schliemann.Ilios Fig. 606 und 607, mit der Bezeichnung Brat- spiess- Stützen abgebildet. Diese Erklärung ist nicht glücklich, sicher scheint mir aber, dass in der langen Rille ein Stab häu- fig gedreht worden ist; der Stein ist hier wie polirt und man wird vermuten dürfen, dass diese Steine für irgend welche Technik, etwa Metallbearbeitung, benutzt wurden.

8) Halbkugelförmiger Knopf aus weichem weissem Stein, dessen Oberfläche teilweise rotbraun oxydirt ist (Taf. IV, 8), grösster Durchmesser 3,5cm. Ein flaches Bohrloch auf der glat- ten Unterseite des Steins lehrt, dass er auf einem andern Ge- genstand befestigt war, etwa als Knauf auf einem Dolch. Das Material erinnert durch Färbung und Weiche an Meerschaum, dessen Heimat eben dieser Teil Phrygiens ist, aber Herr Geheimrat Laspeyres stellte fest, dass es kein wasserhaltiges Magnesium-Silicat (Meerschaum), sondern wasserhaltiges Alu- minium-Silicat ist; nach Form und Gefüge möchte er es eher für ein Kunstproduct mit Thon als Hauptbestandteil als für ein Mineral halten.

9) Mörser aus dunkelem Stein in Halbkugelform, Höhe 1 3, 5cm, oberer Durchmesser IG1™.

10) Stösser aus weissem Marmor (?) gleichzeitig mit dem Mörser gefunden, '23™' lang, unten 6CB dick

1 1) Mehrere Kornquetscher aus porösem, vulkanischem Ge- stein meist von der Form llios Fig. 678.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 19

Die Zahl der Gegenstände aus Metall ist sehr gering, ich bemerkte :

n Kupfernes Messer, Länge 9cm, grösste Breite 2cm, in der Form übereinstimmend mit dem im Tumulus des Protesilaos gefundenen bei Schliemann, Troja Fig. 136.

5) Einige kupferne Nadeln mit Knopf; die Taf. IV.5 abge- bildete ist 10™ lang, eine andere derselben Form II, ^c'".

3) Nadel mit nur halb erhaltenem ()r. 8"" lang.

4) Nadel mit hakentörmig umgebogenem Oberteil, 8, 5c,Mlanu

5) Zwei Kuppnägel, l,8C0,lang.

Das Material der allein chemisch untersuchten abgebildeten Nadel ist ein fast reines Kupfer, aber dies ist nicht das ein- zige Metall, das die Erbauer des Tumulus kannten. Dra- gendorff sah unter den nach meinem Fortgang gemachten Funden ein Bleigewicht, und wichtiger ist, dass sich auch die Bekanntschaft des Eisens erweisen lässt. Eine von mir per- sönlich im Tumulus aufgehobene Schlacke rührt, wie mein College Dr. Kaiser feststellte 'von einem Verhüttungspro- cess her, bei dem aus Eisenerzen Eisen abgeschieden wurde'. Üass Eisen in so früher Zeit in Phrygien nicht nur benutzt, sondern auch aus Erzen gewonnen wurde, ist überraschend und auch für die troischen Eisenfunde von Bedeutung. Be- kanntlich hat Schliemann das Vorkommen dieses Metalls in den prähistorischen Schichten lange in Abrede gestellt, dann aber in dem Bericht über die Ausgrabungen von 1890 S. 50 zugegeben. Obwol dieses Zugeständniss durch spätere Beobach- tungen von Brückner ( Troja 1893 S. 89) und Götze (Globus LXX1 S. 219) bestätigt worden ist, hat man es immer wieder angezweifell und die gefundenen Eisenstücke teils höheren Schichten zugewiesen, teils für eisenhaltige Minerale erklärt1. Thalsächlich ist auch, wie mir Götze mitteilt, ein in Berlin aufbewahrter 'Eisenklumpen' aus einem Schatzfund der /.wei- ten Schicht durch genaue Analyse als Mineral erwiesen wor-

1 Perrot - Chipiez, Histoire de Varl VI S. 953, Olsbausen, Verhandlungen (Irr berliner nathropologischen Gesellschaft 1891 S. 500.

20 A. KOERTE

den. Der Tumulus von Bos-öjük, dessen Funde den troischen prähistorischen Schichten nächst verwandt sind, darf jetzt als gewichtiger Zeuge für die Richtigkeit der Beobachtungen

CCD O C

Brückners und Götzes gelten. Da das Elisen auf dem griechi- schen Festland erheblich später auftritt als in Troja, wird es aus dem Innern Kleinasiens an den Uellespont gelangt sein; auch in historischer Zeil ist ja das Gebiet der Chalyber im Nordosten der Halbinsel für die Hellenen das Eisenland tulv £;o/r,v'. Jetzt wird nirgends in Anatolien Eisen gewonnen, ahrr wie ein Kenner der mineralogischen Verhältnisse des Landes bemerkt, sind gute Eisenerze an vielen Punkten der Halbinsel vorhanden 2.

Spärlich aber nicht uninteressant sind ferner die Arbeiten aus Knochen :

1) Knöcherne Bohre (Tat'. IV, 6). Länge 8,\cm.Den Zweck die- ses Gegenstandes machen die in Troja und Cypern gefundenen Dolchmesser mit langem dünnem Stil versländlich (Bios Fig. 31 1, 81?. Athen. Mitth. XI, 1886, S. '209 Beilage 1,14). Der Stil wurde durch die beinerne Bohre gesteckt und oben um- gebogen oder in einen Knauf eingelassen. Der Griff, von dem etwa ein Viertel abgesplittert ist, zeigt sorgfältige eingeritzte Muster. Die ganze Länge der Bohre ist durch doppelte Bitzli- nien in neun Streifen geteilt, den schmalen mittelsten füllen zwei weitere Querstreifen, in den andern acht wiederholen sich symmetrisch von der Mitte aus dieselben geometrischen Motive; Zickzackbänder sehen wir in den beiden mittelsten, Netzwerk in den folgenden, dann sind zwei Streifen leer gelassen, und die beiden äussersten wieder mit dem Netzornament gefüllt. Ein gleichartiger Griff aus Troja, den Schliemann fälschlich für eine Flöte hält ( Ilios Fig. 5V5), stimmt in der Verzierung überraschend :i.it dein aus Bos-öjük überein; auch er ist durch

1 Aesch. Sept. 715 ff., Xen. Anal». V, 5, I, Strabo XII, 549, Sleph. Byz. s. \ . XöcXu6e(. - Edmund Naumann, Vom goldenen Hörn zu den Quollen des Eupbrat

8. 447.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. !\

Doppellinien in Streifen eingeteilt und diese sind ebenso mit Zackenbändern und Netzwerk gefüllt, verscbieden ist nur die Reibenfolge der Streifen. Unmöglich kann diese Obereinstim- mung auf Zufall beruhen.

2) Stück eines ähnlichen GrifTs aus schwarzgefärbtem Kno- chen, Länge 6,bcra, nur durch einige Querstreifen verziert.

3) Pfeilspitze (Taf. IV, 4). Länge 6,7cm. Die Mehrzahl der in Troja gefundenen Pfeilspitzen besteht aus Kupfer oder Bronze, eine elfenbeinerne von ähnlicher Form aber grösseren Ab- messungen ist Troja Fig 4 4 abgebildet.

4) Hunde Scheibe aus Knochen von der Form und Grösse eines Dambrettsteins (Durchmesser ^.S0'"). parallel zurOher- fläche durchbohrt und roseltenartig durch Ritzlinien verziert, vermutlich als Schmuck verwendet.

5) Rundes sorgfältig polirtes Stäbchen (Taf. IV. 10), Länge 1 4cm. Das nach den Binden zu leicht verjüngte Stäbchen ist oben und in der Mitte durchbohrt, ein drittes Loch wird man an dem abgebrochenen unteren Ende voraussetzen dürfen ; die Bestimmung des Stäbchens ist mir nicht klar.

6) Gerät aus Hirschgeweih (Taf. III. 31). Länge 24tm. Der grösste Teil des Geweihs ist geglättet, nur unten ein 9,5cl" brei- ter Rand rauh gelassen und mit einem Netz schräger Kerben gemustert. In die untere Fläche ist ein Loch von I .5"" Durch- messer 4,5cm tief gebohrt, das mit einem senkrecht dazu von aussen eingebohrten Loch von 8'um Durchmesser in Verbin- dung stehl;ein anderes Loch von gleichem Durchmesser durch- bohrt das Geweih 4, k2cul weiter oben. Über die Verwendung des Geweihs wage ich keine Vermutung.

Ausserdem fanden sich mehrere geglättete, pfriemenartig gespitzte Knochen.

An Zahl und Bedeutung nehmen unter den Funden die ke- ramischen entschieden die erste Stelle ein. Dir meisten Thongefässe sind naturlich zerbrochen und nicht allzu viele liessen sich zusammensetzen, aber ein Blick auf die Tafeln l-lll. die mit Ausnahme von I , 2 und II. 6 ausschliesslich Funde aus Bos-öjük enthalten, zeigt doch, dass hier Material in ge-

22 A. EOERTE

äugender Fülle vorliegt, um einen Begriff von der bisher so trut wie unbekannten altphrygischen Keramik zu gewinnen1. Von den wolerhaltenen Gelassen sind alle Typen, zum Teil in mehreren Exemplaren abgebildet, aus der grossen Menge lehr- reicher Scherben sind auf Taf. III nur einige wenige mitgeteilt, deren charakteristische Form oder Ornamentik sich im Licht- druck wiedergeben liess; leider versagt dieser ja für wichtige Eigentümlichkeiten der Technik, wie Glatte und Färbung durchaus. Die weitgehende Übereinstimmung mit den troi- schen Funden ist sicherlich dasjenige, was bei Betrachtung der Tafeln am meisten ins Auge fällt. Es möchte schwer sein, die Vasen und sonstigen Gegenstände auf Tafel II, oder I, 3-5, .7-9, III. b, 11 von troischen Funden zu unterscheiden. Bei genauerem Zusehen finden sich freilich Verschiedenheiten, aber auch wieder so völlige Gleichheit in charakteristischen Einzelheiten, dass man sagen darf, nirgends, auch in Cypern nicht, ist bisher eine Keramik gefunden worden, die sich so unmittelbar an die troische anschliesst. wie diese.

Da bisher weder Dörpfelds und seiner Mitarbeiter abschlies- sendes Werk über Troja noch der Katalog der Schliemann- Sammlung in Berlin vorliegt, muss ich die troischen Analo- gien zu den einzelnen Gefässen aus Bos-öjük nach Schlie- manns llios und Troja anführen, bin mir aber bewusst, dass sich eine sichere Zeitbestimmung auf Grund der dort vorlie- genden Angaben nicht gewinnen lässt. Nach dem Urteil der beiden vorzugsweise an der Neuordnung der schliemannschen Sammlung beteiligten Herren Poppelreuter (Arch. Anzeiger iSOß S. 105 f.) und Hubert Schmidt, die beide Gelegenheit hatten Proben der phrygischen Funde mit den troischen zu vergleichen, stehen diese im Ganzen auf der Stufe der V. Schicht in Troja und bleiben hinter der in der VI. erreichten technischen Höhe zurück. Auch unter der gewiss zutreffenden

* Ein phrygisches Gefäss ans Ikonioti hal Furtwängler im Arch. Anzeiger 1891 s. H5 veröffentlicht, ein anderes aus Gordion ist Athen. Miiih. XXII, 1897, 8. 24 abgebildet.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 23

Voraussetzung, dass in der stolzen Herren bürg am Hellespont alle technischen Fortschritte früher in Aufnahme kamen als hei den Grundherren des phrygischen Hochlandes wird man demnach den Tumulus von Bos-öjük kaum junger ansetzen dürfen als in die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Chr.

In der Technik verdient zunächst Beachtung, dass die mei- sten Gelasse ohne Töpferscheibe gefertigt sind. Bestimmt nach- zuweisen ist die Benutzung der Scheibe bei den Fragmenten Taf. III. 15,27 und wol auch III, 19, sowie bei einigen nicht abgebildeten Scherben. Ftwas häufiger sind Gefässe, die zwar sicher nicht auf einer ausgebildeten Töpferscheibe aber doch mit Hülfe jenes unbekannten Instruments hergestellt sind, das Dümmler für die ältesten cyprischen (Athen. Mitth.XI, 1886, S.221) und Poppelreuter (a.a.O. S. 105 ff.) für die zweite Haupt- klasse der troischen Gefässe vorausgesetzt haben; dahin gehö- ren z. B. Taf. 1,7,9, III, 41, 1 1 , 34 und zahlreiche Scherben.

Wichtig ist ferner das völlige Fehlen aller aufgemalten Or- namente, die in Cypern schon so früh auftreten (Dümmler a. a. 0. S. 2^2). Das einzige Mittel, das der Töpfer kennt. um mehrfarbige Gefässe herzustellen , ist ungleichmässiger Brand nach vorangegangener Durchschmauchung. Wie zuletzt Georg Karo in seiner Dissertation De arte vascularia anti- quissima S. ! fif. vortrefflich ausgeführt hat2, werden die Töpfe zunächst einem stark qualmenden Feuer so lange aus- gesetzt, bis der Thon mit Kohlenteilchen völlig durchsetzt ist und eine gleichmässig schwarze Färbung angenommen hat. der sich durch Poliren zu tiefschwarzem firnissartigem Glanz steigern lasst. Werden solche Gelasse in ein zweites stärke- res Feuer gebracht, so verbrennen die Kohlenteilchen im Thon und dieser färbt sich je nach dem Hitzegrad gelb oder ziegel- rot3. Der Töpfer hat es beim Brennen an offenem Feuer in

1 Dieses Gefäss isl vielleicht wirkliche Scheibenarbeit.

2 Virchow hat bereits in Schliemanns Hins 8. 250 die schwarze Färbung

der ältesten imischon Gefässe richtig erklärt, anscheinend alier Schliemann nielit ganz iilterzeiigl.

3 Der londoner Faiencefabrikanl Doultou erzielte bei schwarzen troi-

24 A. KOERTE

i\cv Hand, oh er dem ganzen Gefiiss einen einheitlichen Far- benton geben, oder durch Verteilung des Feuers beide Farben, Schwarz und Gelb oder Bot, neben einander erzeugen will. Von dieser in der Technik begründeten Möglichkeit doppel- ter Färbung haben die ältesten troischen Töpfer anschei- nend keinen Gebrauch gemacht, sie lassen die Gefässe gleich- massig schwarz, auch die Cyprier ziehen einfarbige und zwar rote Geiässe vor, die Phryger dagegen lieben offenbar die Zwei farbigkeit. Neben rein schwarzen, roten und gelben Gelassen kommen sehr häufig schwarz und gelbe bez. schwarz und rote vor (z B. Taf. 111. 8, IG) und zwar ist regelmässig das Innere und der Oberteil der Aussenseile schwarz, der untere Teil der Aussenseite gelb oder rot1. Dass diese Doppelfärbung nicht etwa aus dem Unvermögen des Töpfers einen gleich massigen Brand zu erzielen entspringt . sondern ein beabsichtigter Schmuck ist, lehren mit Bestimmtheit die von Flinders Pe- trie in Ägypten ausgegrabenen uralten Gefässe (vgl. Wiede- mann, Bonner Jahrbücher XCIX. 1896. S. 8 ff). Unter ihnen linden sich selir häufig unten leuchtend rote, oben schwarze Becher, deren Zweifarbigkeit meist durch dasselbe Verfahren hervorgebracht ist, wie in Phrygien2. Bei einigen, die das bonner .Museum der Güte Flinders Petries verdankt, ist nun aber das glänzende Schwarz mit Graphit, das leuchtende Bot mit einem Farbüberzug hergestellt, man hat also die sonst durch das Brennen erzielten Farben absichtlich durch Be- malung nachgeahmt. Solche Imitation der eigenen Technik kommt bei zweifarbigen phrygischen Gelassen nicht vor, wol

sehen Scherben eine bellgelbe Färbung, wenn er sie einer Rothitze, eine ziegelrote, wenn er sie einer Weissglulhilze aussetzte (Schliemann, Troja 8. 37 f.).

1 Diese zweifarbigen Gefässe sind fast immer polirl, nur bei einem klei- ui'ii kugelförmigen Becher isi mir das Fehlen der Politur aufgefallen.

2 Karos Angabe a. a. ü. 8. 2 unter den petriescheD Gefässen gäbe es solche, (juae PhrygiU AI. Koertei opera erulis vix dislinxeris, scheint mir in dieser Form nicht ganz zutreffend. Nur die allereinfachsteu runden benkel- und fusslosen Schälchen stimmen völlig überein, alle entwickelten Typen sind doch wesentlich verschieden.

KLEINA8IA.TISCHE STUDIEN. IV. 25

aber hat man das lebhafte, dem zweiten Brande verdunkle Rot mitunter durch Farbe imitirt. An dem grossen Becher Tal'. I, 9 siebt man noch deutlich die vertikalen Pinselstriche, mit denen der Farbüberzug aufgetragen ist. auch ein Gefäss aus Bey-basar (Taf. II, '• ) scheint bemalt, und bei ein paar klei- neren Scherben ist die rote Farbe teilweise abgescheuert und

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grade dadurch die Bemalung gut zu erkennen.

Sind auch die meisten Gefässe einfarbig, so ist doch die Zahl der Farben, die der phrygische Töpfer herzustellen weiss, recht beträchtlich; auch hierin stellt er dem troischen Genos- sen keineswegs nach (vgl. Poppelreuter a. a. O. S. 106). Bei den polirten Gelassen kommen neben den bereits erwähnten Farben Schwarz, Gelb und Rot in verschiedenen Tönen auch viele Schattirungen von Grau vor, vom Schwarzgrau bis zu

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hellem glänzenden Silbergrau ', ferner Braun in mann ich- fachen Abstufungen zwischen Botbraun und Graubraun. Auch die zahlreichen ungeglätteten Gefässe aus gröberem Thon, un- ter denen die grossen \rorrats-und Kochtöpfe am stärksten ver- treten sind, zeigen vielerlei Farben wie Grau, Gelb, Ziegelrot und Dunkel rot.

Für das Fehlen farbig aufgemalter Ornamente entschädigt sich die phrygische Keramik auf verschiedene Art. Zunächst wird die Politur zur Ornamentirung benutzt, indem man nicht den ganzen Thongrund glättet, sondern zwischen den Politurstrichen kleine Zwischenräume lässt ; auf diese Weise ist z B. III. 17 mit einem Netz von einzelnen Politurstrichen überzogen. Beispiele dieser Verzierungsart in Troja erwähn! Brückner (Troja 1893 S. 96 Fig. 41).

Besser zur Geltung kommen Verzierungen, die in dm Thon eingedrückt sind. Für die einfachsten Ornamente der Ari ge nugf der Finger des Töpfers, der besonders die Ränder giös- serer Schalen mit regelmässigen Eindrücken verziert, oder auch den Bauch einer Kanne in breite Rillen zerlegt wir Tal. 11,5;

1 Ein besonders feines, den besten troischen Gefässen kaum nachstehen- des Grau zeigl die 111, -M abgebildete Scherbe, ähnliche fand ich inGordion,

?6 A. KOERTE

feinere Muster werden teils mit einem stumpfen, teils mit ei- nem spitzen Werkzeug ausgeführt. Die Rillen an den schlan- ken zweihenkligen Hechern Tal. 1,7, 111.34, die Punkte auf demWirtel 1,3, die Kreisbogen auf 111,20 und 21, die Wel- lenlinien und Killen auf 111,1'.) sowie die manche grosse Vor- ratsgefässe umziehenden Riefeiungen sind mit einem stumpfen Instrument hergestellt. aber fast ebensooft kommt ein scharfes zur Anwendung. Das beliebteste Ornament der Hitztechnik ist der doppelte Zickzackstreifen ( Taf. I, 3. II, 4, III, v)<7)1, der bei grösseren Gewissen dann noch durch eingeritzte Quer- linien von wechselnder Richtung gefüllt wird. Bei einem be- sonders guten Beispiel dieser Dekorationsweise, der Taf. 11,4 abgebildeten Schnabelkanne aus gelbem Thon, sowie dem Frag- ment eines ähnlichen schwarzen Gefässes ist in dem polirten Grunde der Zickzackstreif matt ausgespart, damit er sieb bes- ser abhebt. Eine Ausfüllung der eingeritzten Linien mit weis- ser oder farbiger Masse, wie sie in Troja, Cypern und an- derwärts üblich ist, auch in Phrygien bei dem angeführten Gefäss aus Gordion vorkommt, habe ich in Bos-öjük bei kei- nem Gefäss, wol aber an den Augen und Augenbrauen des Taf. I, 6 abgebildeten Kopfes beobachtet. Zu den eingedrück- ten und eingeritzten Ornamenten kommen endlich die in Thon aufgelegten, die in Bos-öjük ebenso beliebt sind, wie in Troja, an beiden Orten aber doch viel sparsamer verwendet werden als in der grade hiermit verschwenderischen Keramik Cy- perns. Am häufigsten werden warzenartige Höcker aufgesetzt Taf. II, 5, 8, III, B, 10; sie sind wol verständlich als Rudi- mente der alten Schnurhenkel-Ösen, die daneben noch fortle- ben (11,6, 7, III, ß), auch verkümmerte bogenförmige Henkel treten auf (11,9, 111,5, 7), und in einigen Fällen scheint eine Nachahmung metallener Nagelköpfe beabsichtigt, so bei dem Bruchstück eines einhenkligen Bechers, unter dessen Ilenkel- ansatz rechts und links ein kleiner Buckel angebracht ist, so

« Vgl. aucli das Athen. Mitth. XXII, 1897, S. 24 veröffentliöhte Gefäss ;ms Gordion.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 27

ferner zwischen den beiden ilenkelstülten der Sclinabelkanne III. 17. Besondere Beachtung verdient die um die Schulter eines grossen sehr sorgfältigen Gelasses (Taf. III. 15) gelegte runde Thonleiste, von der kurze hakenförmige Gebilde herab- hängen; dieser an ein Halsband mit Eberzähnen erinnernde Schmuck kehrt sehr ähnlich, aber in Ritztechnik ausgeführt, bei einem troischen Gefässe wieder (Ilios Fig. 1 30 4 ). Zu den aufgesetzten Thonornamenten darf man schliesslich auch den Tierkopf an der Kanne Taf. 11,5 und vielleicht sogar den Menschenkopf Taf. I. 6 zählen, der sehr wol griffartig an ei- nem Gefäss befestigt gewesen sein kann.

Betrachten wir die Gefässformen in ihrer Gesamtheit, so scheint beachtenswert, dass die Mehrzahl der Gefässe, gerade wie in Troja, nicht zum Hinstellen sondern zum Aufhängen bestimmt ist. Die zweihenkligen Becher Taf. I, 7, 9, III, 34, die linsenförmige FlascheTaf. 11,2 und das kleineTöpf'chenTaf. III, 6 kann man überhaupt nicht stellen, auch die Schnabel- kannen wie Taf. I, 8, II, 3, 4 und 6, der kuglige Krug II, 1, die bauchigen Gefässe II, 7 und 8 und eine Anzahl halbku- gelförmiger Becher wie III, 9 und 12 bedürfen der Unter- stützung, wenn sie einigermassen sicher stehen sollen. Und doch wusste man sehr wol, wie sich ein sicherer Stand er- zielen lässt; vor allem die zahlreichen Kochtöpfe von der Form Taf. II, 9 stehen fest auf ihren drei angesetzten Beinen, und ähnliche Beine hat auch dasTiergefäss 11,5; daneben fehlt es nicht ganz an Füssen, die nach Art der späteren griechischen Formen durch Anfügung einer ringartigen. Ilachen Stand- fläche an den Gefässbauch entstanden sind (vgl. Taf. III. 3 und 4). Auch fand ich wenigstens ein Exemplar eines runden hohlen Schalen- oder Becherfusses von der Art. wie ihn ei- nige troische Becher zeigen (Troja Fig. 6 und 7), die nach Schliemann der I. Schicht angehören.

Durchmustert man die einzelnen Gefässtypen, so tritt unter den Kannen und Krügen weitaus am häufigsten die Schnabel- kaune auf. Allen Gelassen dieser Gattung sind der kugelför- mige unten meist etwas abgeplattete Bauch und der Schnabel-

28 A. KOERTE

artige Ausguss gemeinsam, im Blinzeinen giebt es aber viele Verschiedenheiten. Bald sitzt der Hals senkrecht auf dem Va- senkörper (Taf. I. P, II. 6, vgl. [Hos Fig. 360. 371), bald ist er rückwärts gebogen (Taf. II, 3, \. vgl. II ins Fig. 364- 367), längere Hälse (Taf. I, 8) wechseln mit ganz kurzen (Taf. 11.3. IM. 17. vgl. llios Fig. 365-367), ganz spitz zu- laufende Tüllen (Tal". II. 3, III, 17, vgl. llios Fig. 36*2, 366. 367) mit stumpf abgeschnittenen (Taf. 11.6, vgl. llios Fig. 63 i ) oder auch mit vorn eingekerbten, als wären sie zufällig bestossen (Taf. II, '«. vgl. llios Fig. 359?). Die öfter aus zwei verbundenen Stäben gebildeten (Taf. II, 4, III, 17) Henkel durchdringen behufs grösserer Festigkeit meist mit einem kräftigen Zapfen die Gefässwand, wie das ja auch noch in der primitiven, stumpfe Farben verwendenden Keramik der Ky- kladen üblich ist Selten fehlen an beiden Seiten des Halses Thonwarzen, die gelegentlieh durch Einzeichnung eines in- neren Kreises zu Augen ausgestaltet werden. und die Schnur- henkel-Ösen, deren Stelle sie vertreten, sind bei zwei aus einem andern phrygischen Tumulus stammenden Gefässen noch erhalten1 (Taf. II, 6). Die Grösse der Schnabelkannen schwankt zwischen 16 und 35™, fast ausnahmslos sind sie aus feinem Thon sorgfältig gearbeitet, nieist auch polirt; von Far- ben überwiegen Rot und Gelb durchaus, ich entsinne mich nur eines einzigen glänzend schwarzen Bruchstücks.

Als Schnabelkanne ist vermutlich auch das Taf. III. 5 ab- gebildete Gefäss ohne Hals zu ergänzen, das dunkelbraun ge färbt und mit drei kleinen sichelförmigen Wülsten, verküm- merten Henkeln, verziert ist. Resondere Beachtung verdientes um einer Einzelheit willen: In seinen Boden ist ein regel- mässiges rundes Loch von 1..V" Durchmesser gearbeitet, das die Kanne für den praktischen Gebrauch unbenutzbar macht

' Diese beiden Schnabelkannen aus Bey-basar [Lagania), die ich bei ei- nem Althändler in Angora Fand, entsprechen in Form und Technik den Gefässen von Bos-öjük so genau, dass sie unbedenklich hiei eingereiht werden dürfen,

KLIilNÄSlA'l ISCHE STUDIEN. IV. 29

und (Joch offenbar absichtlich hergestellt ist. Ahnliche Löcher in prähistorischen Gelassen Norddeutschlands hat Voss mehr- fach in der berliner anthropologischen Gesellschalt besprochen (Verhandlungen 1875 S. 134, 1878 S. 218, 1895 S. 478) und mit dem Seelenkult in Verbindung gebracht: sie sollen der in Schlangengestalt gedachten Seele als Schlupfloch aus und in die Aschenurne oder als Zugang zu den geopferten Spei- sen dienen. Dieser Deutung hat neuerdings Löschcke in der Februarsitzung 189(J des bonner Altertumsvereins zugestimmt und aus rheinischen Nekropolen der römischen Kaiserzeit zahlreiches neues Material beigebracht; auch in Ägyptens äl- testen Gräbern scheint es solche Öffnungen für die Seelen zu geben. So verführerisch Voss und Löschckes Erklärung ist. so scheint sie mir doch einstweilen, wenigstens für das Geläss aus Bos-öjük, nicht gesichert, weil nach Götzes brieflicher Mit- teilung ein in der zweiten Schicht von Troja 18'J'i unter sei- ner persönlichen Leitung ausgegrabenes Geiäss etwa von der Form unserer Taf. II, 8 ein gleiches Loch im Boden aufwies, aber sicher nicht sepulcral verwendet war.

Als Abkömmling der Schnabelkanne kann ferner die seit- same Taf. 11,5 abgebildete Tierkanne gelten. Das aus unpo- lirtem grauem Thon geformte Gefäss ist 1 5cm hoch. Hals und Mündung sind die einer Schnabelkanne, aber der geriefelte Bauch ist langgestreckt, auf Füsse gestellt ' und läuft unter dem Henkel in einen phantastischen Tierkopf aus. Obwol Oh- ren, Augen und Schnauze des Tiers mit einer gewissen Sorg- falt angegeben sind, ist es doch ebenso unmöglich zu bestim- men. welche Tiergattung der Töpfer darstellen wollte, wie bei den durchaus gleichartigen troischen Gelassen (llios Fig. 160, 333-339, Troja Fig. 68, 69), für die Schliemanns lebhafte Phantasie so zahlreiche Namen erfand 2 ; man könnte \ ielleicht hier ein Schwein erkennen wollen, aber der wulstige Kranz von Haaren (?) über den Augen spricht dagegen.

1 Erhalten sind zwei, es waren alter wol vier.

- Am ehesten begründet scheint mir die Bezeichnung Schwein für die Ge-

l'as.se 3.10 und 337.

30 A. kOERTE

Nahe verwandt ist den Seh Dabeikannen auch die Kugelkanne mit weiter Mündung (Taf. II, 1 = llios Fig. 398-100); das

einzige Exemplar dieses Typus ist 16cm hoch und aus rotem polirtera Thon gearbeitet. Endlich lassen sich hier anreihen die Kannen mit Kleeblatt-Tülle; auf Tat'. 11,4 ist das einzige ganz erhaltene Stück abgebildet, es ist 13,5cin hoch, aus fei- nem, gelbem Thon auf der Scheibe gearbeitet (?;, aber nicht polirt. Die Kleeblattform der Tülle ist auch in Troja nach- weisbar, aber nicht häufig (llios Fig. 1389).

Neben den kugelförmigen Kannen haben wir auch eine aus zwei Kugelabschnitten zusammengesetzte , linsenlürmige, wie sie in Troja nicht selten sind (llios Fig. 363 und 433 ff.). Dem 25cm hohen Gefäss aus feinem bräunlichem Thon (Taf.

II, 2) fehlt leider ein Stück des langen etwas zurückgeboge- nen Halses. so dass die Form der Mündung zweifelhaft bleibt.

Alle bisher erwähnten Gefässe baben nur einen Henkel, eine andere leider nur in Scherben erhaltene Gruppe (Taf. 111,23 und 29) hat deren zwei, die von dem engen, gradlinig ab- geschlossenen Hals zu dem bauchigen Vasenkörper geführt sind1. Wir werden die erhaltenen Reste wol nach den troi- schen Amphoren llios Fig. 430 f. ergänzen dürfen, mit deren Oberteil sie genau übereinstimmen. Gleichfalls nur Scherben sind erhalten von Krügen mit weitem Hals und auswärts gebogenem Mündungsrand, der in einigen Fällen von Löchern zur Befestigung eines Deckels durchbohrt ist. Zu solchen Ge- lassen gehörten vielleicht zwei erhaltene Deckel, der eine (Taf.

III, 24) hat einfache Scheibenform, misst 1 1CI" im Durchmes- ser und besteht aus gelbem polirtem Thon, der andere, kleinere ist schwach gewölbt; beide zeigen mehrere Löcher für eine Schnur, die sie mit dem Gefäss verband.

Auf der Grenze zwischen Krug und Becher steht schliess- lich das 6,5cm hohe zwcihenkelige Gefäss aus feinem Thon mit gel blichgrauem Überzug, das Taf. III, II abgebildet ist und in Troja zahlreiche Analogien hat (llios Fig. 168, 1086, 1091).

Ähnliche Hälse kommen nach Dragendorff auch ohne Henkel vor.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. 31

Zahlreicher noch als die Krüge und Kannen sind die Trink- gefässe, bei denen zwei Hauptformen zu scheiden sind. Die eine ist Schliemanns Sewa? i^^ixuwcXXov, der hohe spitze Kelch mit zwei weit abstehenden Henkeln, der mit einem Zuge ge- leert oder von einem Trinker dem andern gereicht werden muss, denn hinstellen kann man ihn nicht. Diese Becherform ist bisher ausschliesslich in den unteren Schichten Trojas ge- funden worden1, in der entsprechenden Keramik Cyperns fehlt sie; um so wichtiger ist ihr häufiges Auftreten in Bos- öjük. Alle Gefässe dieser Art sind sorgfältig gearbeitet, von den drei am besten erhaltenen ist das eine aus polirtem grauem Thon (Taf. I, 7) 19cmhoch, das zweite mit leuchtend rotem Farbüberzug versehene (Taf. 1,9) misst jetzt 23cm, die ur- sprüngliche Höhe wird fast 30cm betragen haben, das dritte aus gelbem Thon (Taf. III, 34) ist 1 l,5cm hoch. Zufällig sind grade diese Stücke sämtlich unten ziemlich breit, einige Bruch- stücke laufen viel spitzer aus; auch in Troja wechseln spitze (llios Fig. 179, 319) mit stumpfen (llios Fig. 321 ff.).

Die zweite noch beliebtere Form des Trinkgefässes sind kleine tiefe Schalen mit einem vertikalen, meist hoch über den Gefässrand hinausragenden Henkel. Dieser Typus ist über- aus reich an Spielarten, die sich durch verschiedene Ausge- staltung von Gefässprofil und Henkel unterscheiden. Mitunter ist der Lippenrand gar nicht, oder nur ganz wenig abgesetzt (Taf. III, 9), mitunter scharf profilirt (Taf. III, 10. 12), der Becher erreicht bisweilen die Rundung der Halbkugel, oder selbst Dreivierlelkugel, ist aber meist flacher, der Boden ist in der Hegel abgeplattet und nicht selten in der Mitte ein we- nig nach innen eingedrückt (Taf. III, 8), nach Art der spä- teren Omphalosschalen. Der Henkel hat entweder einen flachen bandartigen Durchschnitt (Taf. III, 10) und bildet dann meist eine aufrecht stehende Schlinge, oder er hat runden Quer- schnitt, nimmt dann gern die Form eines Ringes an und wird

1 In der II. bis V. Schicht ist sie sehr üblich, anscheinend kommt sie aber auch in der VI. noch vereinzelt vor.

u A. KOEHTK

oft durch Eindrücke mit dem Finger (Taf. III, 26) oder schräge nieten nach Art eines gedrehten Taues zu festerem Anfassen hergerichtet. Die Form der Ilachen Bandhenkel erinnert an Metalltechnik, und eben dahin weisen vielleicht zwei runde Buckel, die wie die Magelköpfe eines angenieteten Blechstrei- fens unter dem Henkelansatz eines Bruchstücks aus schwarzem glänzenden Thon angebracht sind. Die Buckel dieser Scherbe unterscheiden sich durch Form und Stellung von den Thon- warzen.die bei vielen dieser Becher als Beste der Schnurhen- kel-Ösen von einer früheren Entwickelungsstufe übrig geblie- ben sind. Die Zahl der Scherben solcher Becher ist grösser :ils die irgend einer anderen Gefässform und zwar fertigte man sie ganz besonders gern in der Schmauchtechnik schwarz oder schwarz und gelb an, doch fehlt es auch nicht an roten und gelben Exemplaren. Wiewol ähnliche Gelasse in Troja und Cypern nicht gänzlich fehlen1, ist doch die reiche und glückliche Ausgestaltung dieses Typus anscheinend eine Be- sonderheit der phrygischen Keramik. Kleine halbkugelförmige Schalen ohne Henkel, die in Cypern nach Dummler (a.a.O. S.2V5) das übliche Trinkgeschirr bilden, fand ich in Bos-öjük nur in wenigen Exemplaren von grober Arbeit, aber andere Formen der henkellosen Schale kommen dort auch in sorg- fältiger Technik vor. So giebl es kleine tellerartig Hache Sehäl- chen ohne Fuss (Taf. III, 20, 21) von vorzüglicher Arbeit, ferner breite Schalen mit flach gerundetem Durchschnitt (Taf. III, 7) und endlich tiefere mit scharf gegliedertem Profil (Taf. IM, 27, vgl. Bios Fig. 1 128). Unter dem groben Geschirr kommen auch tiefe Teller oder Näpfe mit gradem Boden vor, wie die von Schliemann Ilios Fig. 455-63 abgebildeten, lind- lich sei im Anschluss an die Schalen ein halbkugelförmiges Sieb aus sehr grobem rotem Thon erwähnt, dessen grössles

1 Verwandt mit den Bechern aus Bos-öjük sind in Troja die untei einan- der recht verschiedenen Formen Ilios Fig. 1187 und 1095- 1100; die ähn- lichen cypi 'ischen Gelasse haben eine wesentlich andere llenkelldldiniK (vgl, Athen. MilMi. XI, 1886, S. 231 Beilage I, 10).

Ki.kinasiaTischi: STUDIEN. IV. 33

Bruchstück Taf. III, '22 mitgeteilt ist; ein genau entsprechen- des Stück aus Troja findet sich in Schliemanns IliosFig. 1190.

Es bleiben noch die Koch- und Vorratsgefässe zu besprechen. Die eigentlichen Kochtöpfe, die dem offenen Herdfeuer aus- gesetzt werden sollten , bestehen stets ans grobem Thon von urauer oder gelber Farbe: sie haben die Form eines bauchi- gen, auf drei Füsse gesetzten Kessels mit einem abstehenden Vertikalhenkel und zwei verkümmerten Horizontalhenkeln (Taf. II, 9, vgl. Ilios Fig 59 und 1139). Die ganz erhalte- nen Gelasse dieser Art sind alle klein, das abgebildete z. H. misst jetzt nach Verlust eines Teils seiner Füsse 1 2CD\ von grösseren Töpfen haben wir aber die Scherben, darunter meh- rere über 20"" lange Füsse. Die innere Fläche dieser Füsse ist unregelmässig gefurcht, um fester am Vasen körper zu haften. Zu Kochzwecken diente wol auch der stattliche, nur zu einem Dritteil erhaltene Napf aus schwarz und gelbem Thon mit ge- schwungener Lippe und einem engen Ausgussrohr Taf. III, 16. Ahnliche dünne Ausgussrohre sah ich mehrfach ; ein stär- keres aus gelbem Thon mit breiten Riefen enthält am inneren Ansatz ein Sieb (Taf. III, V5). Dragendorff erwähnt auch ein erheblich längeres nach Alt der Tüllen unserer Theekannen geschwungenes Ausgussrohr. Angeschlossen sei an die Küchen- geräte noch ein Thontricliter in Form eines hohlen Kegels mit durchbohrter Spitze, 5cni hoch.

Die Vorratsgefässe gleichen, so viel ich sehen konnte, den trojanischen Pithoi, nur sind sie vielfach unten weniger spitz. Das einzige das ich, freilich nur von innen, messen konnte, so lange es aussen von der schützenden Erdhülle umgeben war. hatte einen grössten Durchmesser von nahezu Od01" und war 8üc,n hoch; bei dem Versuch es herauszunehmen zerbröckelte leider der grobe, mit Quarzstückchen bis zu Erbsengrösse durch- setzte Thon sehr stark. Die meisten Gelasse dieser Art bestehen aus hellziegelrotem Thon. der nicht selten polirl auch manchmal mit dunkelroter Farbe überzogen ist. Ziemlich umss im die Zahl der bei ihnen vorkommenden Randprofile; um die Schul- ter läuft oft ein Thonwulsi mit eingedrückten Strichomamen-

ATHEN. MITTHEILUNGEN XXIV. 3

34 A. KOERTE

ten, an Stelle der Henkel kommen auch hornartige Ansätze vor, die sich ähnlich bei manchen grossen Näpfen beobachten lassen (Tal'. III. 30). Durch Sorgfalt der Arbeit, Ornamenti- rung und Farbe unterscheidet sich das 'Pal'. IM. 15 abgebil- dete Bruchstück von allen andern dieser Gattung. Als Unter- sätze Cur die grösseren Pilhoi dienten rohe Thon klotze mit trichterartiger Höhlung. Yorratsgefässe werden auch die bei- den Tal". II. "7 und 8 mitgeteilten bauchigen fuss losen Töpfe sein. Der grössere ist 2 /*c"' hoch und besteht aus graubraunem schlecht polirtem Thon ; neben zwei horizontalen Henkeln trägt er zwei starke Thon höcker, die als Schnurhenkel- Ösen dienen könnten . wenn sie durchbohrt wären. Der kleinere 15.5C,U hohe aus grobem Thon ohne Politur hat nur zwei Schnurhenkel-Ösen und über dereinen nahe dem Hände ein Loch, das wol zur Befestigung des Deckels diente; das ent- sprechende Handstück der andern Seite ist ausgebrochen. Die- selben Löcher im Hand und dieselben Schnurhenkel-Ösen hat ein Töpfchen gleicher Form von grober Arbeit, das we- gen seiner Kleinheit (knapp 6c,n ) dem praktischen Gebrauch kaum gedient hat (Taf. III, 6, vgl. Ilios Fig. 1075).

Schliessen mag endlich die Heihe der besprochenen Getäss- formen ein mir nur durch DragendoriTs Skizze und Beschrei- bung bekanntes gekoppeltes Töptchen aus feinem rotem Thon, dessen beide Teile etwa der Form Ilios Fig. 1129 gleichen. Dies ist in Bos-öjük das einzige Heispiel der in Troja nicht seltenen und inCypern besonders beliebtenVerkoppelung meh- rerer Gefässe.

Der Thon ist aber nicht nur zur Bildung von Gelassen be- nutzt worden, sondern auch zu mancherlei andern unsoft un- verständlichen Geräten, die zum Teil wieder ganz überraschend mit troischen Funden übereinstimmen. Das gilt zunächst von den eigentümlichen, an beiden Orten durchaus gleichen Thon- körpern.die Schliemann als Bürsten gedeutet hat (Taf. 111,1,?, Ilios Fig 188.489). ßs sind Geräte von dreieckiger Gestalt mit einer Durchbohrung nahe der Spitze zum Aufhängen und zahl- reichen kleinen Löchern auf t\w Unterfläche der Basis. Diese

KLLlNASlATlSCHE STUDIEN. IV. 35

feinen dichtgestellten Löcher müssen einen praktischen Zweck gebabt haben, und Schliemanns Gedanke, dass darin Borsten oder Pflanzenstengel eingelassen waren , die Geräte also als Bürsten dienten, liegt in der That sehr nahe; fast jeder Laie, dem ich ein solches Dreieck mit der Bitte es zu deuten vor- legte,kam auf diese Erklärung. Aber schwerwiegende Beden- ken erheben sich gegen diese Auflassung. Der Einwand, bei Bürsten müssten die Borsten durch die Löcher einer Platte hindurch gesteckt und auf deren Rückseite befestigt werden, ist freilich nicht zwingend, da die Borsten bei diesen primitiven Geraten ja eingeleimt sein könnten. Auch ein zweites Beden- ken, dass nämlich Borsten oder Pflanzenstengel den Brand des Thons nicht hätten überstehen können, ist grundlos, denn wie schon Schliemann (llios S . 461) behauptet hat, und mir Hubert Schmidt brieflich bestätigt, sind diese Dreiecke ur- sprünglich gar nicht gebrannt, sondern nur an der Sonne ge- trocknet worden. Viele Stücke der Schliemann-Sammlung zei- gen nach Schmidt genau das Aussehen und den Härtegrad der getrockneten Lehmziegel, und dies gilt auch von einem Exemplar aus Bos-öjük (Taf. III, 2); die andern sind ganz un regelmässig gebrannt, weil sie dem Feuer des Tumulus bez. des Burgbrandes ausgesetzt waren. Aber grade dieser Sach- verhalt macht, wie Schmidt mit Recht hervorhebt, die Ver- wendung als Bürsten sehr unwahrscheinlich; denn der ge- trocknete Thon ist kein widerstandsfähiges Material und würde gewiss schnell zerbrochen sein, wenn die so dicht gedrängt und so nahe dem Rande stehenden Borsten dem beim Bür- sten unvermeidlichen Seitendruck ausgesetzt worden wären. Löschckeund Schmidt möchten daher ausgehend vod dem Loch in der Spitze die Dreiecke als amuletlartige Anhänger ver- stehen1. Die Löcher müssten dann zur Befestigung irgend welcher hängenden Körper gedient haben ; aber auch diese Erklärung befriedigt mich nicht ganz, denn auch für solche

* Zum Aufhängen eingerichtete Bürsten wären au sich nicht auflallend bei einem Volke, d;^ auch seine Töpfe lieber hängt als stellt.

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um den Hals getragene Schmuckstücke ist getrockneter Thon ein wenig geeignetes Material. Auf eine andere Möglichkeit der Erklärung weist mich Wolters hin. Er vergleicht gewisse in dvv Gesamlform übereinstimmende Thongeräte, die beson- ders aus den ligurischen Höhlenfunden bekannt sind ', und auf der flachen Unterseite nicht nur solche Reihen von Löchern, sondern auch andere Ornamente zeigen. Nach der Analogie ähnlicher, von indianischen und anderen Stämmen verwen- deten Stempel (in Mexico pintaderas genannt), welche dazu dienten diese Muster farbigauf die Haut des Körpersoderauch auf andere Stoffe abzudrücken, nimmt besonders Issel2 ^e\\ gleichen Zweck für die ligurischen Geräte an. und Wolters ist geneigt diese Erklärung auf die phrygischen und troischen Exemplare auszudehnen , und auch Stempel wie II ins Fig. 493-498. 1212. 1213 ebenso zu beurteilen.

Von den zahlreichen Wirlein, die doch wol mit Dümmler (Athen. Milth. XI. 1880, S. 3-2) als Webegewichte aufzufassen sind, bringt Taf. I, 3-5 einige Proben: sie reichen zum He- weise aus, dass die eingeritzten und eingedrückten Ornamente, mit denen man sie zu verzieren liebte, den in Troja üblichen durchaus gleichen. Zeichen, die man als Schrift auffassen, könnte, habe ich nicht auf ihnen bemerkt. Wie in Troja tre- ten auch hier runde durchbohrte Scherben grösserer Gelasse oft als Ersatz der Wirlei auf.

Schwerere Thongewichte in Form abgestumpfter Pyramiden oder roher Doppelkegel (Taf. III, 33) kamen wol beim Weben starker teppichartiger Stoffe zur Verwendung.

Zweifelhaft ist mir ob auch eine eigentümliche Art gebo- gener Wülste aus Thon mit Löchern an beiden Seilen, die so viel ich sehe bisher nur in Bos-öjük, hier aber sehr häufig

< Vgl. Bullellino cli paletnologia ilaliana XIX, 1893, Taf.? S. li, vgl. S '.). AM della II. Accademia rfei Lincei, Serie quarla, IV, I Taf. ■.'. M 8. 100. Zeitschrift für Ethnologie 1898 S. i2i8i. Mittheilungen der prähistorischen CommissioQ der wiener Akademie l S.2I. Börnes, Urgeschichte der bilden- den Kunst S. -„'NT. ->SU.

- Bullellino äi paletnologia ilaliana XII, 1880, S 131.

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vorkommt (Taf. III. 32), ähnlichen Zwecken diente oder etwa als Amulett getragen wurde Gegen letztere Annahme spricht indessen das stets sehr grohe Material und das Fehlen jeglicher Verzierung.

Diese Wülste sind ebenso wie die Thonpyramiden vielfach nicht gehrannt, oder doch erst im Tumulus gehrannt, und dasselbe ist der Fall mit einigen zwischen den Steinen ver- streuten Lehmziegeln, deren einer jetzt 26cm lang, 2\cm breit, und ycm dick ist, ursprünglich aber länger war.

Nur äusserst selten wagen sich die Töpfer von Bos-öjük an plastische Nachbildungen lebender Wesen. Von Tieren kenne ich ausser der S. V9 besprochenen Tiervase nur einen kleinen Vogelkopt' aus glänzend rotem Thon, ferner den Kopf eines Vierfüsslers ( Schaf?), und aus Dragendorffs Skizze und Be- schreibung ein vollständiges Tier, das etwa aussieht wie die llios Fig. 1204-1208 abgebildeten. Von menschlichen Dar- stellungen ist zunächst das I0,5cm hohe kopflose brettartige Idol mit gesenkten Armstümpfen (Taf. III, '28) zu nennen, sodann zwei Exemplare eines menschlichen Arms aus rotem Thon, der eine Röhre mit ganz enger Öffnung hält. Das rohere. 6.5cm hohe, Stück ist Taf. IV, 7 abgebildet, bei dem anderen sind die einzelnen Finger deutlich angegeben; wozu diese Arme gehört und gedient haben. bleibt dunkel. Am meisten ausgeführt von Menschenbildern. aber freilich auch noch recht roh ist der Taf. I, 6 abgebildete 6.5cm hohe Kopf. Auf einem sehr langen Hals sitzt das ganz Hache Gesicht mit angeklebter Nase, runden Augen und geschwungenen Augenbrauen, die ebenso wie die Alicen mit einer weissen Masse gefülll sind ; der Mund ist nicht angegeben. Zwei halbrunde Thonlappen mit je drei Löchern vertreten die Ohren, der Hinterkopf ist ziemlich spitz und man kann zweifeln, ob die durch einen Mittelstrich ge- teilte wulstige Masse über der Stirn gescheiteltes Haar oder eine Mütze bedeuten soll. Unter den troischen Funden kenne ich keine ähnliche Darstellung, merkwürdig gleicht ihr dage- gen ein von Radinski und Hörnes in Bosnien gefundener Kopf (Die neolilhische Station von Butmir Taf. 2, 2

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Überblicken wir noch einmal Hie gesamten Funde von Bos- öjük in ihrem Verhältniss zu den troischen , so erscheinen sie wie ein Auszug ans dem reichen Formenschatze Trojas. Käst alle Gefässtypen von Bos-öjük kommen entweder genau so, oder doch sehr ähnlich in Troja vor, wenn auch einige, vor allem die einhenkligen Becher, eine selbständige Weiter- bildung zeigen, und auch die troische Schmauchtechnik in den zweifarbigen Gelassen eigenartig fortentwickelt ist. Umgekehrt sind nicht alle troischen Typen auch in Bos-öjük vertreten.es fehlen z. B. die Gesichtsurnen , die Kronendeckel und die grossen Flügelhenkel. Besonders wichtig ist, dass so eigenar- tige, bisher nur aus Troja bekannte Formen, wie Schliemanns Sewa« äu.^x.uTtsA'Xov und die sogenannten Thonhürsten, sowie unter den nichlkeramischen Funden der knöcherne Röhren- griff (Taf. IV, 6) in Bos-öjük wiederkehren. Gewiss ist Eduard Meyers Warnung (Geschichte des Altertums II S. 125), man dürfe aus Kulturzusammenhängen nicht ohne Weiteres auf Gleichheit oder nahe Verwandtschaft der Nationalität schliessen, 'berechtigt gegenüber der Zuversicht, mit welcher Dümmler (a. a. 0. S. 249 ff. ) die Identität der ältesten cy- prischen und troischen Bevölkerung durch seine Funde für erwiesen hielt, aber eine so vollständige Übereinstimmung in den Einzelheiten, wie sie zwischen Bos-öjük und Troja sich zeigt, wird man doch als Beweis nationaler Zusammengehö- rigkeit betrachten dürfen. Die cyprische Kultur ist von der troischen beeinflusst, die in Bos-öjük entdeckte mit der tro- ischen identisch; die Unterschiede zwischen beiden sind nicht grösser als man sie allenthalben bei verschiedenen Zweigen desselben Volksstammes beobachtet. Auf der allen Völkern im Gebiete des östlichen Mittelmeers von Sicilien bis Klein- asien in vormykenischer Zeit gemeinsamen Grundlage hat sich im nordwestlichen Kleinasien eine Kultur von nationaler Eigenarl aufgebaut, die sich, wie wir nun sehen, weit bis ins Innere erstreckte. Für die von vornherein naheliegende An- nahme,dass Bos-öjük nicht ein versprengter Posten dieser Kul- tur im Osten ist. sondern dass sie überall auf dem phrygischen

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Hochlande herrschte, lassen sich vereinzelte alter völlig aus- reichende Beweise beibringen: Reste genau der gleichen Art sammelte ich im Osten des Hochlandes an der Stelle der al- ten Königstadt Gordion (vgl. Athen. Mitth. XXII, 1897, S.21), weiter nördlich liegt Lagania ( Bey-basar ). woher die S. ^S.l erwähnten Schnabelkannen stammen, und weit im Süden bei Ipsos (Tschai) fand ich einen zur Gewinnung von Erde an- geschnittenen Tumulus.der den gleichen Wechsel von Aschen-, Kohlen .und Erdschichten erkennen liess und dieselben Scher- ben enthielt. So weit die Herrschaft der Phryger in Kleinasien reichte, so weit sind auch die Tumuli und in ihnen die Reste troisch-phrygischer Kultur verbreitet1.

Die Annahme naher Stammesverwandtschaft zwischen den Bewohnern der Troas und des Binnenlandes, die im Altertum seit Aischylos dahin geführt hat. die Troer schlechthin Phryger zu nennen.darf jetzt als erwiesen gelten. Dies schliesst freilich nicht aus, wie Kretschmer a. a. 0. S. 183 mit Recht betont hat, dass Aristarchs (Schol. A zu B,862) und Strabos (XII, 57 3) Scheidung beider Stämme für Homer zutrifft; politisch und dem Namen nach blieben Troer und Phryger getrennt, aber als Glieder derselben Nation waren sie durch Kultur und Sprache (s. Kretschmer a. a. 0.) eng verbunden. Bei Homer ist diese Verbindung gleichsam personificirt in Hekabe, der Tochter des Phrygerfürsten Dymas (11,717), die nun Königin von Ilion und Mutter des grössten Troerhelden ist.

Für wahrscheinlich halte ich es , dass auch die troischen Tumuli wesentlich gleichartige Anlagen sind. wie die phrvgi- schen. Leider ist es ja Dörpfeld während der beiden letzten troischen Ausgrabungen nicht gestattet worden, die Tumuli

1 Es ist vielleicht auch jetzl noch nicht überflüssig hervorzuheben, dass von irgend welchen Anfängen oder Anklängen mykeniscber Kunst weder in Bos-öjük noch sonst in Pbrygien etwas zu spüren ist. Der Hauptunter- schied /.wischen Bos-öjük und Trojas sechster Schicht isl grade das völlige Fellini aller mykeniseben Einflüsse. Studniczkas Versuchten Phrygern ei- nen Anteil an der Entwicklung der mykenischen Kunst zuzuweisen (Athen. Mitth. XII, 1887, S. 21 1 ist als gescheitert anzusehen.

40 A. KOliRTE

zu untersuchen, und aus Schliemanns Berichten (Ilios S.729 ff undTrojaS.271 ff.) lässt sich kein klares Bild desThatbestan- des gewinnen, aber der von ihm nur oberflächlich untersuchte Grabhügel des Protesilaos auf dem thrakischen Ghersonnes (Troja S. 286 ff.) ist nach seiner Schilderung wol zweifellos eine dem Tumulus in Bos-öjük verwandte Grabstätte, und dasselbe möchte ich vom Besika-Tepeh (llios S. 740ff.) ver- muten. Wenn darin angeblich Schichten von Humus, weisser Erde, schwarzer Erde, von Steinen und weisser Erde, vege- tabilischer Erde, Erde mit gelbem Lehm und Steinen aufein- ander folgen, so kann ich wenigstens die Vermutung nicht un- terdrücken, dass die weisse Erde Asche und die schwarze, in der 'alle die tausende von Bruchstücken sehr altertümlicher Thonware ' sich fanden, Kohle gewesen ist. die grade wie in Bos-öjük mit Lehmerde und Steinen bedeckt war '. Hoffentlich lehren uns erneute Ausgrabungen jene Hügel einmal besser kennen. Wie gross oder gering aber die Übereinstimmung ihrer Anlage mit der des phrygischen Tumulus auch sein mag, daran dass die Mehrzahl der grossen Tumuli in der Troas Grabstätten sind, wird man nicht zweifeln können. und diese Eigentümlichkeit des troisch- phrygischen Stammes, sei- nen vornehmen Toten gewaltige Grabhügel aufzutürmen, ist wichtig für die Frage nach seiner Herkunft. Wiederum lässt sich die litterarische Überlieferung durch monumentale Zeug- nisse stützen. Nach der im Altertum seit Herodot VII, 73 herr- schenden Ansicht2, die besonders lebhaft von Strabo verfoch- ten wird (VII, 595 und Fr. "25, XII, 550), stammten die Phry- ger aus Europa, wo in Makedonien am ßermion noch später ein Rest ihres Stammes mit dem Namen Briger oder Bryger sass, und diese Briger nennen beide Schriftsteller (Her. VI, 45, Strabo VII, 295) kurzweg eine thrakische Völkerschaft. fchz*(öv (xicotxoi sind die Phryger demselben Geographen i\,

1 Vgl. auch die Beschreibung des Achilleusgrabes Troja S. 273 IV. - Abweichende Darstellungen hellenistischer Dichter siebe bei Kreisch- mer 8. 174.

KLEINASIATISCHE STUDIEN. IV. il

471 ), und auch die Troer, in deren Gebiet er so viele thraki- sche Namen wiederfand (XIII, 590), rechnet er zu den 0:zx..7. e0v7] XII. 564). Sayce in der Vorrede zu Schliemanns Troja (S. mv) glaubte durch die Funde im Protesilaosbügel die Herkunft der Troer aus Thrakien erwiesen , aber Eduard Meyer hat mit vollem Recht (Geschichte des Altertums II S. 1 26 Anmerkung) seinen Schluss nicht gelten lassen, weil dieser Hügel ebenso gut von dem nahen Troja aus angelegt oder be- eintlusst sein könnte. Tumuli derselben Art müssen sich in grösserer Entfernung vom Hellespont nachweisen lassen. wenn ihr Zeuuniss Gewicht haben soll, und einen solchen Zeuijen glaube ich in der That stellen zu können.

Etwa 4kl" östlich von Salonik, also ganz nahe der Gegend, wo nach Strabo und llerodot die Bri«er sassen. lie^t ein «je- waltiger Tumulus von etwa 30,n Höhe und annähernd 100"' grösstem Durchmesser, den das Volk Toüa~x 'Ayio-j 'HXio-j nennt. In ihn hat vor einigen Jahren ein türkischer Bey. um Schulze zu suchen, einen horizontalen Stollen von 2'" Höhe und Breite getrieben, an dessen Wänden ich im September 1895 einen ganz ähnlichen Schichtwechsel von Asche, Kohle und verbrannter Erde mit zahlreichen Scherben und verbrann- ten Knochen dazwischen feststellen konnte, wie in Bos-öjük. Allerdings durchziehen die Aschenschichten nicht den ganzen Tumulus, sondern sind nur 2-6'" weit zu verfolgen, auch be- trägt die Dicke der Erdschichten höchstens 5()l"\ und schon der riesige Umfang des Hügels nötigt eine von Bos-öjük et- was abweichende, langsamere Entstehung anzunehmen, aber die Grundzüge sind offenbar die gleichen, und auch die Schei- ben zeigen bis auf vereinzeltes Vorkommen von Mattmalerei dieselbe Technik wie Phrygien und Troja. Gefässformen Hes- sen sich leider aus den von mir gesammelten Scheiben nicht erschliessen. Herr Di", phil. Clemens Franke, der bei einein mehrjährigen Aufenthalt in Salonik dem Tumulus seine Auf- merksamkeit schenkte und mir wertvolle .Mitteilungen zu- kommen liess, sammelte an seinem Fuss Wirtel, Steinhäm- mer und eine Steinkugel, die den (irpisch-phrygischen Stucken

42 A. KOERTE

durchausgleichen. Oben auf dem Flügel fand Pranke myke- nische. protokorinthische und attische Vasenscherben . der uralle Tumulus scheint also viele Jahrhunderte hindurch eine Stätte des Heroenkultes gewesen zu sein.

So unzulänglich der Hügel von Salonik auch noch erforscht ist. unzweifelhaft haben wir doch hier in der alten Heimat der Phryger eine Grabstätte etwa der gleichen Art und Zeit wie der Tumulus von Bos - öjük, und das ist grade, was wir brauchen Um den Beweis für die thrakische Herkunft der Troer-Phryger zu schliessen, hat bereits Kretschmer (a.a.O. S 178) Herodots Schilderung der für vornehme Thraker üblichen Bestattung (V, 8) herangezogen, in der das Aufwer- fen eines Hügels bezeugt wird : Ta<pxl 8s toigi süSaipiom autüv v.al ai'Ss" xpei? jaev 7)ue'pa<; TcpoTiOeiii tov vs/.pöv /.xl xavxota <j<pi- ^avTe? lpr,ix eüwye'ovTa'. 7rpo>cAaü<javTe; TcpÖTOV eweirsv Se GxxTOufft x.xTax.auaa.vT6(; $ aX>.(j); y/) xpu^avrs; yiby.x &s ^e'avTj? aycöva T'.öeiTi 7rxvTOiov iv xa fieyiOTa asClAa xtOexai y.axä AÖyov u.ou- vouayiTic.

Thatsächlich ist die Sitte grosse Flügelgräber zu errichten in Thrakien nicht nur bis Herodot, sondern bis in die römi- sche Kaiserzeit hinein lebendig geblieben. Das ganze Land ist voll von solchen Hügeln, die jedem Beisenden auf der Fahrt von Sophia nach Konstantinopel auffallen, aber bisher noch niemals systematisch untersucht sind. Am eingehendsten be- richtet noch über sie M E. Weiser1 in den Mittheilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien II. 1872, S. 137-153 und 185-203. Er giebt als Durchschnittsgrösse 5™, als grösste Höhe 1 1"' an und fand in einigen der kleinsten, die er öffnete, Skelettreste, Tierzähne. Stücke 'irisirenden Glases', eine grie- chische Münze, verrostete Nägel, oxydirle Metallgegenstände u. s. \v., einmal erwähnt er auch ein aus Flachziegeln gemau- ertes Grab (S. 193). Unter diesen Funden weisen die ir'isi-

1 [Vgl auch Chrysochoos, At xo\jy.r.a.i in der 'EnsTr,pt{ des $tXoXoyixQ{ oJXXoyo« IlapvaaTÖ; [, Athen 1S9G, S. 9, dei aber besonders Thessalien und Makedonien berücksichtigt.]

KLEINASIATISf.HE STUDIEN. IV. 43

renden Glasscherben auf römische oder wenigstens hellenisti- sche Zeit. Die Zähigkeit, mit der die Sitte der Grabhügel hier zwei Jahrtausende lang festgehalten wurde, zeigt, dass diese Grabform dem Thrakervolke von Urzeiten her eigentümlich war. Die phrvgischen x7co«tot haben sie viel früher aufgegeben; im siebenten Jahrhundert finden wir bei ihnen bereits Fels- gräber an ihrer Stelle, nur ein phrygiscber Tumulus aus hi- storischer Zeit ist mir bekannt (s. S. Uf). Etwas länger behaupteten sich die Tumuli in dem stark von phrvgischen Kiementen durchsetzten ' Lydien ; äusserlich unterscheiden sich die Königsgräber der Mermnaden nicht von denen in der Troas oder in Gordion, aber die innere Ausstattung ist eine andere geworden, gemauerte Kammern mit Totenlagern die- nen den unverbrannten Leichen als Ruhestätte, grade wie wir sie auch erheblich später in den kürzlich von Perdrizet be- handelten makedonischen Grabhügeln finden [B.C.H. 1898 S. 335 ff.).

Fassen wir zusammen, was die Betrachtung der phrvgi- schen, troischen und thrakischen Kulturreste lehrt, so deckt sich das Ergebniss genau mit der besten litterarischen Über- lieferung des Altertums und den Resultaten der Sprachfor- schung2 und in der Übereinstimmung dieser drei Zeugen liegt eine sichere Gewähr für die Richtigkeit ihrer Aussagen Es sind also in nicht annähernd bestimmbarer Zeit thrakische Haufen über den Hellespont vorgedrungen und haben zunächst in der Troas festen Fuss gefasst, dann folgten neue gewaltige Schwärme, die wol noch im III. Jahrtausend vor Chr. das weite kleinasiatische Hochland besetzten und das phrygische Reich begründeten, das mit den Stammesgenossen am Hellespont in engem Zusammenhang blieb.

Zum Schluss möchte ich noch hervorheben, dass sich auch

1 Kretschmcr a. a. 0. 8. 204 il'., 385 ff.

2 Tomasehek, Die allen Thraker, Sitzungsberichte der wiener Akade- mie 128 und Kretschmcr a. a. 0. Kapitel VII. [Vgl. auch die Bemerkungen von Tsundas in der (=)paxixr( tasTTjpf« I, Athen 1897, 8.

44 A. KOK RTF.

die kraniologi sehen Beobachtungen durchaus mit den andern Zeugnissen vereinigen lassen. Wenn Virchow (Verhandlun- gen der berliner anthropologischen Gesellschaft 1896 S. 120) die Schädel von Bos-öjük einer Bevölkerung zuweist, die den heutigen Armeniern verwandt war. so ist das eine schöne Be- stätigung der von Kretschmer (a. a. 0 S. '208 ff.) mit lingui- stischem Material gestützten Angaben des Herodot VI I, 73, die Armenier seien 4>puyöv ätcohcoi und des Eudoxos (bei Steph. Byz. s. V. Apusvio.) 'Apag'vioi Ss to [/.ev ye'vo; £/„ 4>puyia;, /.cd ty} cpwvr, ttoXXx cppuyi^o'jffiv.

Excurs zu S. 6 Anmerkuntr 1.

Als letzten der Tumuli habe ich einen von besonderer Art aufgeführt, der eine kurze Beschreibung verdient. Ich traf im Juli 1895 in Tscliukurdscha 4km nordwestlich des Midasfel- sens die Bauern damit beschäftigt, grosse Steine aus einem kleinen Hügel herauszugraben. Das Werk der Zerstörung war schon weit vorgeschritten, aber die Grundzüge der alten An- lage Hessen sich doch noch feststellen. Den Hügel umgab eine Einfassung aus grossen Steinblöcken mit sorgfältig behauener Aussenseite, und in seinem Innern war eine Kammer von 2,10'" Breite und unbestimmbarer Länge erbaut, deren vor- züglich gearbeitete Ouadern 0,85'" hoch und 1'" bis 1,75'" lang waren. Die Decke und die oberen Quaderschichten wa- ren bereits von den Bauern als Material für den Bau einer Moschee entfernt, nur an der Ostseite lagen noch zwei Qua- derschichten über einander ohne irgend welchen Mörtel dazwi- schen. Der Boden war mit grossen Steinplatten belegt, auf denen weder die Beste alter Totenlager, noch Skelette oder Beigaben zu sehen waren. Den [einkörnigen bellgrauen Stein, aus dem die Kammer erbaut war, hatte man erst an Ort und Stelle zu regelmässigen Quadern behauen, wie die zahlreichen Stein- brocken im Erdreich des Hügels bewiesen. Ein roh in die eine Wand eingehauenes Kreuz zeigte, dass die Kammer in christlicher Zeit benutzt war, aber nach der ganzen Technik ist sie zweifellos in viel früherer Zeit gebaut worden. Die aus«

kLEINASlATISCHE STUDIEN. IV. 45

gezeichnete Bearbeitung des Steins, der sich kein Hellene zu schämen brauchte, weist in jene Epoche, als die phrygischen Steinmetzen ganze Felswände mit den saubersten Ornamenten beJeckten, also in das siebente bis sechste Jahrhundert (vgl. Athen. Mitth. XXIII, 1898, S. 140). In diese Periode der Abhängigkeit Phrygiens von Lydien passt auch am besten die ganze Anlage eines Kammergrabes im Tumulus, die in Phry- gien sonst ohne Beispiel ist. Die vornehmen Phryger lassen damals ihre Grabkammern in den Felsen hauen und die Fas- saden mit Reliefs verzieren, in Lydien dagegen herrschen zur selben Zeit die Tumuli mit steinerner Einlassung und sorg- fältig aus Quadern gemauerter Kammer; dies ist das Schema des Alyaltesgrabes und vieler kleinerer, die wir durch Choi- sys [Revue archeologique N. S. XXXII S. 73 ff.) und We- bers {Tumulus et Hieron de Belevi, vgl. Perrot - Chipiez V S. 2bbff. ) Untersuchungen kennen gelernt haben. Ob das Grab von Tschukurdscha auch einen Dromos hatte, wie die meisten lyd ischen, konnte ich nicht teststellen, wahrscheinlicher ist mir aber, dass er ihm fehlte wie einem der von Choisy be- schriebenen Gräber (a. a. O. Fig. 9 und 1 0 = Perrot Chipiez a. a. 0. Fig 174 - 175), dessen Grundriss und Aufriss dem phrygischen anscheinend genau entsprochen hat. So werden wir in dem kleinen Grabe von Tschukurdscha ein weiteres Zeugniss für denselben lydischen Einfluss auf Phrygien er- blicken dürfen, durch den auch der jonischen Kunst der Weg auf die phrygische Hochebene eröffnet wurde (vgl. Athen. Mitth. XXIII. 1898, S. 140).

Bonn

A. KÖRTE.

-< :•:

ELEUSINISCHE BEITRAGE (Hierzu Tnfel VII. VIII)

I. Demeter auf der Wyi'XxnToc, Tcexpot.

Als Ruhesitz der trauernden Demeter nach ihrem langen Herumirren auf der Erde werden in der Überlieferung vier verschiedene Punkt»1 angegeben, das Parthenion Phrear1, das Anthion Phrear2. das Kallichoron Phrear3 und die 'AyeXaaTo:

Welcher von diesen vieren im offiziellen Kultus von Eleu- sis der anerkannte war, konnte früher nicht festgestellt wer- den. Seit der Veröffentlichuni»; der Bechenschaflsablage der eleusinischen Epistaten von 329/28 in der 'E«pY)ku. äoy. 1883 wissen wir, das der 'Ayilxnxo; rcerpa dies Recht zuzusprechen ist; denn wenn sie in dieser Urkunde auch nur in einem ganz zufälligen Zusammenhang erscheint, so genügt doch schon ihr einfaches Vorkommen in einer offiziellen Urkunde von Eleu- sis um diesen Thatbestand zur Evidenz zu beweisen. Was des näheren die 'AyAxG-ro; tcetjo. gewesen und wo sie im Bereich des eleusinischen Heiligtums anzusetzen sei, das zu untersu- chen ist bisher n;e versucht worden. Man hat sich begnügt vom 'lachlosen Stein' als dem Sitz der Demeter zu sprechen. Und doch kommt diesem 'lachlosen Stein', glaube ich, eine tiefere Bedeutung zu. als man ihm zugebilligt hat, vielleicht

i Ilom. Ihinn. V, 99.

2 Paus. I, 39, 1 ; Tgl. Clemens Alex. IIpoipsuT. II § 20.

3 Apollodor I, 36; Kallimachos Hymn. VI, 1"> u. a. ra.

* Apolludnr I, 36; Hesych. s. v. äy^Xaaro? netpa ; Suid.is s. v. HaXa|j.TvO{ ;

Scholion zu Aristophanes Hillern V. 785; Pbotius ed. Bekker 8. :-M9fr, ?0; Bekkers 4necdota I, 'SM u a. ra. Tgl. Förster, Raub und Rückkehr 8. I?.

ELEÜSlNISCHE beitraegE kXi

können wir auch seine Lage etwas genauer umschreiben als es bisher geschehen ist.

Die Mehrzahl der uns in der litterarischen Überlieferung erhaltenen Notizen über die 'AyEAxsTo? Tcerpa sind belanglos; sie besagen immer nur, dass sie in Attika oder mit bekannter Vertauschung der Worte 'Aövjvvjciv oder in Eleusis gelegen sei und dass Demeter auf ihr ausgeruht habe. Wirklichen Aufschluss über den Felsen der Trauer giebt uns nur die eben S. 40, 4 angefühlte Stelle des Suidas, die sich mit dem Scho- lion zu Aristophanes Kittern V. 785 deckt. Der uns interes- sirende Abschnitt lautet: x.htxi r, SaXaaU oAtyov 7rpo tik 'EXeuTtvo? ttö^ew:, Ucx.: L^rrJ.r.zzoc, x*;. K6pr;g, —\r,pr^ oo^a xa-rop- Ocou.äTojv 'Eaayivi/cwv, xai vap evTX'jOx TroAAa? tu/ Ilepccuv AÖr,- vaio'. y.xTivx'ju.y.yr.nxv tciyjoek; ÖAiyw äpiOuoJ 0£u.t<JTOx,l£O>j; CTpaTr, -

yoGvTo;, (die Ausgaben setzen hier eine stärkere Interpunktion)

e'vOx y.at 7T£Tpa EipeTta outco '/.xAO'jut.Evr, , a><7-£p oix toO ovöjAOtTO? TpÖ7ca'.ov v'jgx xr,? Atti/.t,:. e'^xi de xat 'Aye^airo: xerpa y.aXov- u.s'vv) xapx toi; 'AOr.vxtoi:, 6-Q'j xa0i<7xi cpaal ©r^ex ae'X'Xovta y.xzx- ßaiveej ei; "Atoou" ÖOsv jtai touvol/.o. xf, tce'tcx, yi oti exei £/cä.0e7£v r,

Ay)L/.r;T"/ip '/.'kxio'jax, ote e'Cyjte1. r/iv K6pr,v.

Einmal finden wir hier die Ay^XaTto? TUTpa zusammen ge- stellt mit der Eipsiix rcErpa von Salamis. Näheres über diese letztere wissen wir nicht. Aus dem Namen und aus dem Zu- sammenhang ergiebt sich aber, dass der Ruderfelsen nicht ir- gend ein einzelner kleiner Stein, sondern ein Felskap auf Sa- lamis oder eine Klippe im Meer bei Salamis gewesen ist, je- denfalls also ein grösserer Felsen. Folglich kann auch die mit der Etpeffta in eine Parallele gerückte 'AyiAanTo; 7t£Tpa nur ein solches grösseres Ganzes gewesen sein, nicht ein kleiner stei- nerner Sitz wie man bisher immer angenommen hat. Man dachte eben immer nur an den Sitz der Demeter, wenn man von diesem Felsen sprach. In Wahrheit zwingt uns, auch ab- gesehen von der Suidas- Stelle, nichts zu dieser Annahme. Ebensowenig wie wir bei unserem Drachenfels, beim Waagen - stein, beim Taufstein (im Vogelsberg) und so vielen anderen auf Stein oder Fels auslautenden Beranamen an einen ein/.el-

Ifl O. 1UHKNSOIIN

nen Stein denken, ebesowenig sind wir hei der zerpa zu einet1 derartigen Annahme gezwungen. Belege hierfür brauche ich nicht anzuführen, sie sind bekannt genug.

Aber noch eine zweite viel wichtigere Folgerung für die

'AyfAasTo; -£rpa ergiebt sich aus dem Scholion. Sie wird hier in Verbindung gebracht nicht nur mit der Sage vom Raub der kora, sondern auch mit des Theseus Hinabstieg zum Ha- des, also mit den beiden für den attischen Kultus und Mythos wichtigsten Hadesfahrten. Ich glaube, es bedarf nur eines Hin- weises auf diese Thatsache, um fest zu stellen, dass die 'Aye- lxa-o; 7^£Tpa nichts anderes ist als der Iladeseingang. Es ist die Pforte zu der Welt, in der es keine Freude mehr gieht, darum beisst dieser Fels die 'AyeXocdTo; ^erpa. Es ist nicht ein beliebi- ger Punkt, an dem Demeter rastet: an der Pforte des Hades, in den die Tochter hinabgetaucht ist, lässt sich die trauernde Mutier nieder, wie sie an der 'AvaxXriöpa Tte'Tpx in Megara ebenfalls einem Hadeseingang die Kora aus der Unterwelt beraufgerufen hatte. So verstehen wir denn auch den Zusatz des Scholiasten 'öösv jtati t6 8vo|*a tyj werpa'. Dass Theseus in besonders motivirter Traurigkeit vor seiner Hadesfahrl sich an einem beliebigen Ort niedergelassen habe, ist weder über- liefert, noch passt ein solcher Zug in den ganzen Sagenzu- sammenhang. Wir haben hier noch i\m Rest einer Überliefe- rung, welche die 'AyeXacTo; reexpa unabhängig von der Deine tersage erklären wollte und sie einfach als Unterweltseingang so benannt sein liess '.

Mit der Anerkennung dieses Thathestandes wird nun aber die 'AyeXaiTo; Tcexpa in einen uns sehr vertrauten Yorstellungs- kreis gerückt. Sie tritt ohne weiteres neben die Ae'j*a§ia. izixox, die 'Avxx.V/;0pa. xe'rpa, den KOttappaxTTjv öSov ^aXxoi? ßiOpoici yvj- 6=v ippi^ojxevov und so manchen anderen Felsenhügel, durch den

1 Im ähnlicher Weise Baden wir Demeter und Kora einerseits, Theseus und Peirithoos andrerseits zusammen localisirt an dem Hadeseingang auf dem Kolonos Hippios. Vgl. Soph. Oedipus auf Kolonos V. 1500 ff. Schol. tu der stelle und zu V. 1503.

ELEUS1NISCHE BE1TRAEGE 49

nach Anschauung des griechischen Volkes der Weg hinab zum Herrscherhaus des Hades führte. Zugleich wird aber auch bei dieser Auffassung der 'Ayf/'/TTo: werpa ihre Ansetzung in Eleu- sis unmittelbar gegeben. Es gab dort oder besser gesagt auf eleusinischem Gebiet zwei Unterweltseingänge. Der eine, der Erineos, lag am Kephisos. Diesen beschreibt Pausanias. Er erwähnt dabei mit keiner Silbe die 'AyeXacxo; -r.izzy., aus- serdem ist auch da. wo wir diesen Unterweltsei ngang anzu- setzen haben, in der Nähe der bekannten Brücke bei Eleusis, keine Spur von einer felsigen Erhebung vorhanden. Zu die- sem Unterweltseingang kann also die "AyfAa^To; -i-zzx nicht in Beziehung gesetzt werden. Ganz anders verhält es sich mit dem zweiten Unterweltseingang, dessen sich Eleusis rühmte, mit dem Plutonion. Es ist dies das Höhlenheiligtum mit dem klei- nen Tempel des Pluton,das am äussersten Nordende des Burg- berges von Eleusis gelegen wirkungsvoll mit seinem über die Höhlen hervorragenden Felsen jedem zuerst in die Augen lallt, der die grossen Propyläen von Eleusis durchschritten hat. Auf diesen passt alles, was wir oben für die 'AyeXacxo? wtTpa festgestellt haben. Ich stehe nicht an, den nördlichen Vor- sprung des Akropolisfelsens, in den hineingebettet das Pluto- nion liegt, für die 'AyeXacxo; Trexpx in Anspruch zu nehmen. In diesem Felsen der Trauer oder unter ihm tief in der Erde haust der gewaltige Herrscher der Unterwelt, in ihn hinein wird Kora entrückt, auf ihm sitzend trauert Demeter um ihre geraubte Tochter Das sind alte echtgriechische Vorstellungen, für die uns Rohde in der Psyche das richtige Verständniss erschlossen hat. Dass der Dienst des Plutonion der erste Aus- gangspunkt des eleusinischen Kultus gewesen und bis in späte Zeiten hinein der Mittelpunkt des localen Kultus geblieben ist, wird heute von den Meisten anerkannt. In den Berich- ten über Eleusis tritt es aber zurück, in den Hintergrund ge- drängt durch den Huhm und die Pracht des Mysterientem- pels. Kein litterarisches Denkmal giebt uns Kunde von ihm abgesehen von der andeutenden Bemerkung des orphischen Hymnus 18, V. 15. So ist auch dw Name (\v^ Felsenhügels,

ATHEN. MITTHEILUNGEN XXIV. '

50 0. FtUBENSOHN

an und in dem das Heiligtum liegt, uns beziehungslos und

OD O

farblos überliefert worden.

Entstanden ist der Name natürlich unter dem Einduss der Demetersage. Die iyeXaaxo? AnfXYixyip des Hymnos kann keine willkürlich gewählte Bezeichnung sein. Aber es ist zweifellos, dass man den Namen dem Felsen nur deshalb beigelegt hat, weil er nach dem Glauben des Volkes ja wirklich ein 'AyeXa- cto; war, wie jeder der ihn betrat. Dass der Name aus einer poetischen Quelle geflossen sein muss, ist ohnedies sicher. In unserer Überlieferung ist aber über der Demetersage die ursprüngliche Natur des Felsens ganz vergessen worden, er erscheint in unseren spaten Quellen der Mythograph Apollo- dor und Ovid sind die ältesten in der ganz verblassten Ge- stalt als Sitz der Demeter.

An diesem Felsenhügel galt sicher eine der drei Höhlen im Plutonion speziell als die Stelle, an der Pluton mit der geraub- ten Kora in die Erde hinab";efahren war, und ebenso hat man sicher entweder in dem Bezirk des Plutonion selbst oder, was vielleicht mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat, oben auf dem sich über die Höhlen vorwölbenden Felsen noch genauer die Stelle bezeichnet, an der Demeter geruht haben sollte. Das ist aber Küsterweisheit und hat für uns nur sekundäre Be- deutung.

Darstellungen der Demeter auf der 'AyAaiTo; xerpa hat man wiederholt auf Denkmälern der antiken Kunst erkennen wol- len. So hat man z. B. eine Gruppe auf einer Sarkophagplatte des Louvre in diesem Sinne gedeutet !, jedoch unterliegt diese Deutung mannigfachen Bedenken. Sicher falsch ist es, wenn F. Lenormant ( Daremberg- Saglio I, 2 S. 1076) den Sitz der Demeter auf der cumäischen Reliefvase in der Ermitage mit dem Felsen der Trauer identifizirt; dann müssten wir ja auch für den Felsensitz der Athena auf derselben Vase nach einem ähnlichen bezeichnenden Namen suchen. Auch die sonstigen Erklärungen und Deutungen von Denkmälern, die auf die De-

' Vgl. Overbeck, Kunstmythologie II S. 614 tf.

ELEUSINISCHE BEITRAEGE öl

meter in dieser Situation bezogen wurden, halten eindringen- der Prüfung nicht Stand, und so ist denn auch in der letzten Behandlung der Demeterdarstellungen in der Kunst, in Blochs eingehendem Aufsatz hei Koscher (^Lexikon II, 1 S. 1 984) die- ses Kapitel gänzlich verschwunden.

In die so entstandene Lücke einzutreten ist, glaube ich. das Relief im Stande, welches wir an erster Stelle auf Taf. 8 ver- öffentlichen. Es besteht aus pentelischem Marmor und ist schon vor Jahren bei den Ausgrabungen der archäologischen Ge- sellschaft im llieron von Eleusis gefunden ; es befindet sich jetzt im dortigen Museum. Für die bereitwilligst erteilte Er- laubniss zur Veröffentlichung bin ich den Herren IMiilios und Skias zu lebhaftem Dank verpflichtet. Wie die Abbildung zeigt, ist das Relief in einem sehr traurigen Zustand auf uns gekommen. Das, was wir noch haben, setzt sich aus drei gleichzeitig gefundenen Stücken zusammen. Durch diese Zu- sammensetzung haben wir aber ein nur links und unten voll- ständiges Werk bekommen. Weitere Stücke des Reliefs habe ich weder in Eleusis noch in Athen ausfindig machen können, sie scheinen endgültig verloren zu sein. Es ist das sehr zu beklagen, da beinahe die Hälfte des Reliefs und zwar leider die interessantere Hälfte fehlt. An der Unterseite des Reliefs nämlich, die eine Art Anschlussfläche zeigt vorn und links ein W2,5C'" breiter glatter Streifen, das übrige rauh gelassen und etwas vertieft springt an dem jetzigen rechten Ende, also un- ter und rechts von der sitzenden Frau, eine verstümmelte aber jetzt noch 1CI" hohe, 6cm breite Erhöhung nach unten vor, offen- bar der Rest eines Zapfens, mit dem das Relief in einen Un- tersatz, eingelassen war. Dieser Zapfen muss in der Mitte des ursprünglichen Reliefs gesessen haben, und es folgt daraus, dass wir nur etwa die Hälfte des ehemaligen Bildwerkes ha- ben. Das Erhaltene ist ifi0"1 lanu;, die srösste erhaltene Höhe beträgt 3 '<!"".

In der sorgfältigen und sauberen Arbeit, wie sie die Bild- hauerwerkstätten um 400 vor Chr. in Attika lieferten, sehen wir auf der linken Seite dr^ Reliefs fünf Adnranlen darge-

52 O. RUBENSOHN

stellt, drei Männer, eine Frau und ein kleines Mädchen, wol eine Dienerin, die auf dem Kopf die mystische Ciste trägt. Von einer sechsten Adorantenfigur, der vordersten in der Reihe, ist nur noch der untere Teil der Beine, der hinter den Beinen der sitzenden Frau sichtbar wird, erhalten. Die Adoranten be- wegen sich in langsamem Zug nach rechts auf eine weibliche Gestalt hin, die den Verehrern zugekehrt auf dem Boden sitzt. Dieser ist als eine niedrige felsige Erhebung charakterisirt, die nach vorn flach verläuft, hinten hart hinter der weiblichen Ge- stalt in einer Höhe von etwa 2cm über der Grundlinie des Re- liefs mit einer etwas gerundeten Linie endet. Dahinter ist ge- rade noch ein kleiner Rest des Reliefgrundes erhalten, der zeigt, dass hier keine weitere Darstellung des Bodens folgte. Die felsige Natur dieser Erhebung ist durch eine mit dem Zahn- eisen ausgeführte Rauhung des Marmors an der Vorderseite gekennzeichnet, was ja auch in der Abbildung deutlich er- kennbar ist. Die Gestalt ist weiblich und von malronaler Erscheinung. Der ganze Körper ist in ein grosses Gewand- stück gehüllt, dessen einer Zipfel über den Fels herabfällt. Der linke Arm liegt auf dem Schoss, er ist vom Mantel be- deckt, der auch das verhüllt, was sie mit der linken Hand fasst. Wir können nicht mehr feststellen, was dies gewesen , zumal auch hier noch die Zerstörung das ihrige gethan hat, um die an sich undeutlichen Umrisse zu verwischen. Es scheint ein cylindrischer Gegenstand zu sein. Der rechte Arm und die rechte Hand sind nicht zu sehen ; der Kopf ist ab- gebrochen. Aber wir dürfen mit Sicherheit annehmen, dass das Gesicht den Ausdruck der Trauer gezeigt hat. Die ganze Haltung der Figur ist nämlich die einer Trauernden. So wie unsere Gestalt sitzt die eine trauernde Frau auf der von Wolters veröffentlichten Metope von einem Grabbau1, wenn auch unsere mehr aufgerichtet dasitzende Gestalt den Schmerz nicht so ergreifend verkörpert, wie die unter ihrer Trauer zusammenbrechende auf jenem Werk eines bedeuten -

1 Athen. Milth. 1893 Taf. 1

ELEUSIN1SCHE BEITHAEGE 53

den Künstlers. Im Text zu dieser Tafel hat Wolters auch schon auf die anderen nächsten Verwandten unserer Figur hin- gewiesen, auf die Klageweiber in den Giebelfeldern des Sar- kophages von Sidon1. Und wir wissen ja auch aus anderen Überlieferungen, dass das Niedersitzen auf der Erde als ein Zeichen der Trauer galt. Eine derselben möchte ich hervorhe- ben. Die Weiber, die am Thesmophorienfeste mit Demeter um die geraubte Tochter trauern vYiffTeuouffw yapai xa07)(Asvatt 2.

In anderen Darstellungen kenne ich diese Art des Dasitzens nicht, insbesondere nicht in Darstellungen derjenigen Gottheit. an die man vielleicht bei der so an der Erde haftenden Gestalt denken könnte, der Ge. Sie wird in älterer Zeit entweder thro- nend oder aus der Erde auftauchend dargestellt.

Nun muss es aber als etwas ganz Singuläres bezeichnet wer- den, dass auf einem Weihrelief die Gottheit, die adorirt wird, auf der Erde, gewissermassen zu Füssen der Adoranten sitzt. Dass dies hier der Fall ist, darüber kann gar kein Zweifel sein, denn dass die auf dem Felsen sitzende Gestalt eine Göt- tin ist, geht unzweideutig aus der Gruppirung mit den Ado- ranten hervor. Der Fundort, der Boden des eleusinischen Hei- ligtums, weist uns unbedingt in die Sphäre des Demeterkul- tes. Ebendahinweist uns deutlich die mystische Cista der Die- nerin. Wenn nun unsere oben auseinandergesetzte Ansicht über die 'AyeXacTo«; 7U£Tpa richtig ist, müssen wir von einer Darstellung der trauernd auf jener sitzenden Demeter verlangen, dass sie uns die Göttin nicht auf einem erhöhten Felsensitz, wie man das früher immer annahm, sondern auf der Erde sitzend zeigt, d. h. auf irgend einem Punkt jenes Felsenhügels. Das ist auf unserem Relief der Fall. Es stimmt also alles zusammen, und ich glaube es mit Sicherheit hinstellen zu dürfen, dass wir hier die Demeter auf der 'AyeXaoxo; TteTpa vor uns haben Da- mit ist die Situation auf unserem Relief ohne weiteres ge-

1 Vgl. auch die Auseinandersetzungen von Dubns in den Neuen Heidel- berger Jahrbüchern III S. 88 ir. Über die <l< »i t |uilili/.irte Bronze s, 3. 54, 1. '-' Plutarcb, De Is. et Üs. c. 69.

54 O. RUBENSOHN

klärt. Es bleibt nur zu fragen, welche Motive für die Stifter des Reliefs bestimmend gewesen sein mögen, die Göttin ge- rade in dieser Situation auf ihrer Weiliung darstellen zu las- sen. Die Beantwortung dieser Frage ist bei dem heutigen Zu- stande des Reliefs unmöglich. Wir wissen ja gar nicht, wer oder was noch neben Demeter auf dem verlorenen Teil des Reliefs dargestellt war. Ein kleiner undeutlicher Rest hinter der Göttin lässt eine Bestimmung nicht zu. ßs muss daher un- entschieden bleiben, ob noch weitere Gottheiten hinter Deme- ter dargestellt waren, was ja möglich wäre, wenn auch der Zusammenhang der Sage nicht gerade dafür spricht am we- nigsten möchte man an Kora denken oder ob etwa noch weitere Angaben der Localität den übrigen Raum des Reliefs ausfüllten. Der Blick der Adoranten geht zum Teil auf De- meter hinab, zum Teil über sie hinweg., doch darf man hier- aus keinen Schluss auf die ehemalige Darstellung ziehen. Ich möchte am ehesten die Motive zu einer derartigen Weihung in einem kultlichen Anlass sehen, wie er sich ja aus den Vor- gängen sowol an den Eleusinien, wie an den Thesmophorien leicht ableiten liesse. Doch können natürlich auch rein per- sönliche Erlebnisse für die Stifter die Veranlassung abgege- ben haben '.

' Vielleicht besitzen wir noch eine Darstellung der Demeter auf der 'A-js- Xaatos xitpct. Ich möchte es wenigstens vermutungsweise aussprechen, dass das schöne Bronzefigürchen, welches von Duhn,Neue Heidelberger Jahrbü- cher III Taf. 1 publizirt bat, in diesem Sinne gedeutet werden kann. Die von Dulm vorgeschlagene Deutung als Kleopatra hat für mich wenigstens etwas Befremdliches. Die Bedenken, die dagegen geltend gemacht weiden können, hat Dnhn schon am Schluss seines Aufsatzes hervorgehoben. Als Nachbildung einer Grabstatue könnte die Figur freilich aufgefasst werden, immerhin würde aber die innige Verbindung der Toten mit der Schlange ans der geläufigen Darstellungsweise herausfallen. Dagegen scheint mir un- sere Erklärung der Bronze allen Anforderungen gerecht zu werden. Schon

von I mini hat ja a. a. 0. 8. 103 auf De ter hingedeutet. Über das Motiv

brauche ich nach unseren obigen Auseinandersetzungen wol nichts mehr hinzuzufügen. Die Schlange im Schoss der Demeter isl uns aber wol be- kannt, man vgl. nm dir Zusammenstellungen im Bulletlino comunale VII Taf. 2, 3. Das einzig Bedenkliche scheint mir dabei die Frage, wie eine

ELEUSINISCHE BEITRAECE 55

II. Reliefvase aus Eleusis.

Unter Nr. 2 und 3 bilden wir auf Taf. 8 nach einer Tusch- zeichnung Gillierons zwei Thonscherben ab, die im Hieron von Eleusis gefunden sind und wie das eben besprochene Re- lief im dortigen Museum aufbewahrt werden. Es bedarf nur weniger Worte zu ihrer Erläuterung. Die beiden Scherben, die nicht aneinander passen, stammen, wie es scheint, von ei- nem grossen Untersatz oder einem ähnlichen cylindrischen Geräte An ihrem oberen und unteren Rand finden sich näm- lich noch deutlich erkennbar die Ansatzspuren eines ehemals hier anstossenden gitterartigen Stabwerkes, wie es sich ganz ähnlich an grossen Gefässuntersätzen findet. Die Scherben zei- gen eine regelmässig cylindrische Rundung. Interessant sind sie deshalb, weil sie. wie ein Blick lehrt, zu jener Klasse po- lychromer Thonware mit Relielliguren gehören, die uns Ge- stalten aus dem Götterkreis von Eleusis zu einer Art Götter- versammlung vereinigt vorführt, und weil sie die ersten Ver- treter dieser Klasse sind, die aus Eleusis selbst stammen. Über die Technik ist nichts Besonderes zu bemerken. Die Figuren sind plastisch ausgeführt, dann ist das ganze Gefäss mit fei- nem weissen Pfeifenthon überzogen worden, der als Untergrund der Bemalung diente. Farbspuren, darunter auch Gold, sind nur in sehr geringem Masse erhalten, da der weisse Thon meist abgesprungen ist. Weitere Scherben, die zu demselben Stück gehörten, finden sich im Museum von Eleusis nicht. Die beiden erhaltenen Fragmente zeigen deutlich, dass der Un- tersatz einer absichtlichen Zerstörung zum Opfer gefallen ist: mit einem scharfen Instrument hat man sowol das Stabwerk wie einzelne der Figuren geradezu abgemeisselt. Das übrig Gebliebene verdankt wol nur einem Zufall seine Rettung.

Demeter auf der 'A^Xacro« nixpa. als Schmuck eines römischen Panzers zur Verwendung kommen konnte. Wenn diese Verwendung der Bronze über alle Zweifel erhaben ist, möchte ich allerdings meine Vermutung nur mit

der grössten Reserve vorgetragen baben,

56 O. RUBKNSOHN

Erhalten sind auf den beiden Scherben drei Figuren. Gar

kein Zweifel kann über die Bedeutung und Benennung der sitzenden Figur auf Nr. 3 bestehen. Eine mit Chiton und Mantel bekleidete Frau sitzt auf einem, wie es scheint, rund- lich gebildeten Sitz, dessen Natur nicht mehr deutlich erkenn- bar ist. Der rechte Unterarm ist weggebrochen, aus der Rich- tung des erhobenen Oberarms geht aber hervor, dass sie in der rechten Hand irgend eine Stütze eine Fackel oder ein Scepter gehalten, auf das sie sich aufstützte, mit der linken Hand macht sie eine nicht mehr deutlich erkennbare Geste. Diese Figur kann nur Demeter sein. Ebenso, mit der charak- teristischen Kopfwendung und mit denselben Gesten sitzt De- meter auf der cumäischen Hydria in Petersburg, mit etwas veränderter Haltung der linken Hand auf der polychromen Vase der Sammlung Tyszkiewicz (Fröhner Taf. 10). nur dass auf diesen beiden Vasen die Göttin nach links sitzt und den Kopf nach rechts zurückwendet, während sie auf unserer Scher- be im Gegensinn gezeichnet ist. Rechts neben der Göttin steht ein dreifüssiger Räucheraltar, ein Thymiaterion der gewöhnlichen Art. Dass Thymiaterien im Kultus der eleusinischen Göttinnen reichliche Verwendung fanden, wissen wir, wenn es noch ei- nes Zeugnisses dafür bedürfte, aus Inschriften und litterari- schen Quellen, gleichgeformte Thymiaterien kehren auch auf anderen eleusinischen Denkmälern wieder ; ein weiterer Be- weis dafür, dass wie uns hüten müssen, irgend eine besonders geheimnissvolle Form der Weihrauchopfer im eleusinischen Kult anzunehmen. An derselben Stelle, an der hier das Thy- miaterion, stehen auf der cumäischen Hydria zwei gekreuzte Bakchoi und der Kerchnos, also zwei spezifische Geräte des eleusinischen Kultus. Die Anordnung der Kultgeräte gerade hier neben Demeter auf beiden Denkmälern soll wol dazu die- nen, um die Göttin als Hauptperson aus der Darstellung he- raus zu heben.

Die Reste auf der anderen Seite des Thymiaterion rühren von einer langbekleideten GesLalt her, das beweist der Umriss der Spuren, auch ist ein kleiner Zipfel des Gewandes an der

ELEUSINISCHE BE1TKAEGE 57

rechten Seite der Figur dem M eissei des Zerstörers entgangen.

O i I

Die Figur, die hier gestanden hat . können wir nach der Ana- logie der heiden genannten anderen Vasen vielleicht als Kora oder als Jakchos bezeichnen. Demeter, Kora und Jakchos bil- den auf diesen beiden Vasen sicher die Mittelgruppe. Auf der Vase Tyszkiewicz sitzt dieser Jakchos auf dem Omphalos,der uns jetzt, wo wir ihn auf dem Pinax der Ninnion im Hieron von Eleusis dargestellt wissen, auf einem eleusinischen Denk- mal keinen Anstoss mehr bietet. Auf der cumäischen Hydria steht Jakchos an dem Dreifuss, in ähnlicher Weise könnte man ihn auch auf unserer Scherbe vermuten, indessen kann auch eine Figur wie der nicht zu benennende sceptertra- gende Jüngling auf der Vase Tyszkiewicz hier dargestellt ge- wesen sein.

Auf der Scherbe Nr. '2 sind zwei Figuren erhalten. Von ei- ner dritten Figur sind Ansatzspuren vorhanden, die aber nichts Näheres mehr erkennen lassen. Besonderes Interesse verdient die vordere der beiden erhaltenen Figuren. Sic stellt einen Jüngling dar, im Mantel, der die rechte Schulter und Brust frei- lässt Mit der linken Hand schultert er einen stabartigen Ge- genstand, dessen Umrisse stark verrieben sind. Man kann aber noch erkennen, dass an einigen Stellen des Stabes sich Ver- dickungen finden; dies lässt die Vermutung zu. dass es ein Bakchos ist von der Form, wie die Mystenstäbe, welche die Dioskuren und Herakles auf der Vase Pourtales führen. Mit der rechten Hand hält er ein Tier am rechten Hinterbein, des- sen Formen auch stark verwischt sind, doch scheint ein Schal" dargestellt zu sein. Mit Bestimmtheit lässt sich sagen, dass das Tier kein Schwein ist, und dieser Umstand ist wichtig. Ein Blick auf die cumäische Hydria lehrt, dass hier die entsprechende Figur, der Jüngling hinter Kora, ein Schwein trägt. Über die- sen Jünglingstypus hat sich wiederholt Furlwängler ausge- sprochen, der bekantlich in ihm eine Darstellung des Fubuleus erkennt1. Einen zweiten Fubuleustypus erkennt Furtwängler

* Vgl. zuletzt Athen. Mitth, 1895 S. 357 1. Ich möchte übrigens bemerken,

58 O. RUBENSOHN

und mit ihm viele andere in dem auf vielen eleusinischen Denk- mälern wiederkehrenden Jüngling mit langen Locken, der in kurzem Chiton und mit langen Stiefeln bekleidet als Attribut in der Hegel zwei, mitunter auch nur eine Fackel, hin und wieder auch ein Scepter trägt. Nun kommen diese beiden Jünglings- typen aber neben einander auf der cumäischen Hydria in Pe- tersburg vor. Also können auf diesem Denkmal wenigstens sicher nicht beide Eubuleus darstellen, für die übrigen Denk- mäler des einen der beiden Typen wird die Benennung min- destenszweifelhaft. Die Wahl zwischen beiden ist schwer. Nach meinem Dafürhalten ist der Nachweis geführt, dass auf dem Lakrateidesrelief der Jüngling mit den beiden Fackeln Eubu- leus ist l.

Das besondere Kennzeichen des Eubuleus ist das langgelockte Haar, und es scheint mir daher für den Fackelträger der cu- mäischen Hydria wichtig, dass er die einzige Figur in der ganzen Götterversammlung ist, die mit langem Haar erscheint. Das Schwein passte ja nun freilich als Attribut vorzüglich zu Eubuleus. Wir lernen aber aus unserer Scherbe, dass an Stelle des Schweins auch einmal ein anderes Tier treten kann, dass das Schwein also nicht das bezeichnende Attribut bei dieser Figur ist. Da nun ferner auf der cumäischen Hydria und auf unserer Scherbe der andere Jüngling kurze Haare hat, scheint mir die Deutung desselben als Eubuleus auf der ersteren Vase ausgeschlossen, auf unserer Scherbe wenigstens sehr zwei- felhaft. Wie er zu benennen ist, weiss ich nicht, ich glaube

dass der Bakchos des dort veröffentlichten Marmorfigürchens aus Eleusis was ich bei der Besprechung des Kerchnos (Athen. Millli. 1898 S. 298) anzuführen vergass ganz deutlich aufgemalt die Gitterhülsen zeigt, und zwar sind sie mit roler Farbe gezeichnet. Furtwängler erwähnt diese Hül- sen als 'rot aufgemalte alterniremle längliche Flecken'.

1 Vgl. Festschrift für Benndorf 8. IM (Heherdey). Die Wiederholungen des Typus finden sich bei Furtwängler, Masterpieces S. 333 Anm. 5 zusam- mengestellt; ich füge noch hinzu, dass in Eleusis sich zwei Terrakotten dieses Typus gefunden haben, man vgl. auch die Figur ?55 des athenischen Museums. Auch auf dem Pinax der Ninnion kehrt dieser Fackelträger wieder.

BLEUSINISCHE BEITRAEGE 59

nur das aussprechen zu dürfen, dass es eine mythische Per- sönlichkeit sein muss. An mythischen Mysten und Mystago- gen hat es ja in Eleusis nicht gefehlt, und auf diesem Gehiet möchte ich am ehesten die Deutung der Figur suchen.

Ebensowenig lässt sich ein Namen ausfindig machen für die andere Figur auf unserer Scherhe, den Jüngling mit F'ackel hinter der eben besprochenen Figur. Auch dieser Jüng- ling hat seine Parallelen auf anderen eleusinischen Denkmä- lern , man hat ihn bald als Eumolpos, bald als einen der eleusinischen Priester, bald als Mysten gedeutet. Es sind das alles Möglichkeiten, von denen keine einen Vorzug vor der anderen besitzt. Wir sind eben noch nicht im Stande alle auf eleusinischen Denkmälern begegnenden Figuren sieher zu be- nennen

III. Triptolemos als Pflüger.

Man vollzog im offiziellen attischen P'estjahr drei heilige Pflügungen zur Erinnerung an die Einführung des Ackerbaus:

rpcÖTOv iiz\ S/tipo , toG 7caXai0TXT0u tüv CTropwv U7röu.v75[xa, övj-

TEpOV £V TT) 'PaptqC, TpiTOV Ü7TO TTO^IV TOV X.xXo'JU.£VOV ß O'J^Öy tOV .

( Plutarch, Praec. coniug. 42). Wir haben in diesen Kult- handlungen drei sehr alte Institutionen des attischen Gottes- dienstes zu erkennen, und es ist allgemein anerkannt, dass besonders die stadtathenische und die eleusinische Pflügung in Zeiten zurückreichen müssen, in denen beide Staaten noch selbständig neben einander bestanden '.

In Athen war der erste Pflüger ein Buzyge oder nach einer besser verbürgten Tradition der ßuzyge Epimenides gewesen 2. Zur Erinnerung an diese feststehende Glaubensthatsache erbte in dem Buzygengeschlecht das Recht fort, alljährlich am Fuss der Burg die heilige Pflugung vorzunehmen. Wer in Eleu- sis alljährlich die Pflugung zu vollziehen halte , ist nicht überliefert Preller (Demeter und Persephone S. 294) und nach

1 Vgl. Robert, Hermes XX S.379. Töpfler, Attische Genealogie 8. 137 tl. "■» Vgl. Aristoteles Frg. 348.

60 O. RUBENSOHN

ihm Töpffer haben aus dem Scholion zu Aristides S. 473 Din- dorf gefolgert, dass auch in Eleusis die Buzygen dieses Am- tes gewaltet hätten. Das ist zwar an sich möglich, aber es scheint mir docli nicht angebracht, aus dem durch seine fal- sehen Angaben über Perikles Abkunft discreditirten Scholion derartige Polgerungen zu ziehen. Es ist falsch, von vorn herein bei jedem uns begegnenden ßo^uyin; an einen Angehörigendes athenischen Adelsgeschlechts zu denken. Bou^üyns ist als Ap- pellativum ein Priestertitel und ist als solcher einfacher Titel uns in einer eleusinischen Urkunde überliefert, nämlich in der Inschrift 'E^rjjx. *py. 1884 S. 17*2 IT. , in der Z. 29 der ßo«j£uyr,c mitten unter anderen eleusinischen Priestertiteln erscheint1. Nicht jeder ßo'j^uyvi; ist aber ohne weiteres ein Angehöriger des ßuzygengeschlechts, wie nicht jeder jcrjpu$ Angehöriger des Kerykengeschlechts (vgl. Töpffer, Attische Genealogie S. 88). Die Überlieferung der Lexikographen ist danach mit Vorsicht aufzunehmen und ergiebt bei näherer Prüfung nichts für die Buzygen in Eleusis Aus welchem Geschlecht der eleusinische Pflugpriester genommen wurde, wissen wir nicht.

Hätte aber auch wirklich das städtische Adelsgeschlecht diese priesterlichen Rechte in Eleusis besessen, dann hätte es nicht wie in Athen seine Ansprüche auf diese mit der mythi- schen Handlung seines Geschlechtsgenossen begründen kön- nen. Als Erfinder des Pfluges und als erster Pflüger auf dem rarischen Feld hat in Eleusis zu allen Zeiten Triptolemos ge- golten. Die direkten Zeugnisse hierfür sind zwar durchgängig spät2, aber mit Unrecht hat man daraus geschlossen, dass Tri- ptolemos als Pflüger erst eine späte Erfindung sei, eine Er- findung , die unter dem Einfluss ägyptischer Vorstellungen erst in Alexandria gezeitigt worden sei :!.

1 Einen weiteren inschriftlich bezeugten Beamten mit dem Titel ßou£ÜYT); hat mir Herr Dr. Wilhelm in einer unpublizirten Inschrift ans Athen aus dem ersten Jahrhundert vor Chr. nachgewiesen.

2 Ovids Fasten IV, 559 ff. Auson, Epist. XXVI, 421V Anthol. Pal. XI, 59. Plinius, Hist. nat. VII, 199. Varro hei Servius zu Vcrgils Georg. 1,19, Vgl. SuidaS s. V. 'Papia;.

3 0. Kern, der erste Vertreter dieser Ansicht ( Genethliacon (iutlingensc

ELEUSIN1SCHE BE1TRAEGE ßt

Einmal nämlich ist Osiris, unter dessen Einfluss Triptole- mos zum Pflüger umgewandelt sein soll, in rein ägyptischen Kultusvorstellungen niemals ein Pflügergewesen. Wie ich ei- ner freundlichen Mitteilung Herrn Prof. Ermans dankend ent- nehme, giebt es in dem doch gerade für Osiris und die an ihn anknüpfenden Mythen sehr reichlichen Material keine einzige llindeutung auf eine derartige Holle des Gottes, zu dessen gan- zer Erscheinung dieser Zug auch durchaus nicht passt. Wenn uns in griechischen und römischen Quellen (vgl. Kern a.a.O.) der ägyptische Totengott als Erfinder des Plluges bezeichnet wird, so haben wir darin eine Umbildung des Osiris in hel- lenistischem Sinn zu erblicken, die vielleicht im alexandrini- schen Eleusis unter dem Einfluss des Triptolemos vor sich gegangen ist1. Sodann ist aber aus der litterarischen Überlie- ferung,auf die sich Kern in seinem Aufsatz vor allem stützte, kein bindender Schluss über das Alter der Sagenform, die Triptolemos zum Pflüger macht, zu entnehmen, insbesondere auch nicht darüber, ob die andere Sagenform, die dem Bu- zyges oder dem Buzygen Epimenides diese Holle zuspricht, auf ein höheres Altertum Anspruch machen kann. Die in un- serer Überlieferung erhaltenen Angaben über diesen Zug der Triptolemossage gehen zum grössten Teil, die über Buzyges ausschliesslich auf die Verfasser von Schriften s ^ L eOcr^xTcov

8. 102 IT. ), scheint selbst von seiner Aufstellung zurückgetreten zu sein (s. den Artikel apotot Upot bei Pauly-Wissowa), gebilligt worden ist sie von Töpffer ( Attische Genealogie S. 1 40 Anm. 1), Robert [Griech. Mythologie 1 S. 775), Jane E. Harrison (Myllwlogy and Monum. of AthensS. IGT |, Drexler in Rosebers Lexikon II S. 448 u. a.

1 Triptolemos als Säemann auf alexandrinischen Münzen : Catalogue of ihe cuins of Alexandria Tal'. 2, 408,582, \66i. Eine spur der Einwirkung der einen Sage auf die anderen bei Diodor I, 18, 2. Ähnliche Umbildung nicht- griechischer Gottheiten nach dem Muster des Triptolemos liegl ?or bei dem lydischen Heros Tylos (vgl. Jahn, Leipziger Berichte 1851 8. 133) und, wie es scheint, auch bei Men. Ich kann wenigstens in dem GaxeUe arch. IV, 1878, 8.07 von Lenormant veröffentlichten Relief aus Ltyl - anderes

als einen zum Triptolemos umgewandelten Men erblicken. In den letzten Arbeilen über Men ist das Relief nicht berücksichtigt. Ich kenne es nur aus dri auffeführlei) Abbildung.

62 0. RUBENSOHN

zurück, also auf Männer der peri patetischen Schule; die Nach- richten über Buzyges- Epimenides sind einer aristotelischen

Schrift, vielleicht seinem -stcXo; entnommen. Es können also ausgezeichnete Quellen der Überlieferung beider Sagen zu Grunde liegen. Direkte Nachrichten aus älterer Zeit haben wir über die Triptolemossage überhaupt und besonders über die einzelne Episode derselben, auf die es uns hier ankommt, nur in sehr geringer Anzahl. Im Hymnus spielt Triplolemos be- kanntlich nur eine ganz nebensächliche Holle, ob ihm in der sophokleischen Tragödie ausser dem Drachenwagen noch an- dere Dinge von Demeter verliehen wurden, lässt sich nicht mehr erkennen, aus der kurzen Erwähnung in Piatons Gesetzen (VI, 78*2 B ) ergiebt sich gar nichts, und die einzige etwas ausführlichere Stelle über Triptolemos aus voralexandrini- scher Zeit, die ttede des Daduchen Kallias (Xenophon, Hell. VI, 3, 6), fuhrt die Triptolemossage in so rhetorischer Weise ein, dass sie weder für den ganzen Sagenzusammenhang noch für einen so speziellen Zug der Sage in Betracht gezogen wer- den kann.

Wenn in zahlreichen späteren Darstellungen des Mythos Tri- ptolemos nicht als Pflüger auftritt, sondern nur als erster Säe- mann und vor allem als Verbreiter des Ackerbaus auf der Erde, so stehen dem einerseits Zeugnisse gegenüber, in denen dem attischen Heros auch die Erfindung des Pfluges zugesprochen wird1, andererseits aber hat es darin seinen Grund, dass die Erfindung des Pfluges eben in der That nicht unbestrittenes Eigentum des Triptolemos war2. Er ist als Pflüger besonders in der altern Zeit immer nur auf local beschränktem Gebiet

1 Ausser den oben angeführten Stellen ist noch besonders hervorzuheben Etym. Magn. s. v. ipoif, I'ims. Vit, 18,2. Kalkmann, Pausanias der Perie- get S. 135 will beide Angaben auf Rhianos zurückführen. Wie Herr Prof. Reitzenstein mir freundlichst mitteilte, gehl die Notiz im Etym. Magn. auf Oros zurück und zwar auf einen Dichterkommentar.

2 Vgl. Servius zu Vergils Georg. 1,19 [uncique puer monstralor aralri): flene autem taeuit de nomine et generaliler ail puer, nam non unus aratntm lutu urbe monslraviL, *ed dicersi in dtversis lucis.

ELEUSINISCHE BEITRAEGE 63

anerkannt worden. Wie die Verhältnisse in Attika lagen, davon

Tv

giebt uns mit Sicherheit einzig der Kultus Kunde. In Eleusis hat immer Triptolemos als Pflüger gegolten. Auf dem heiligen Ackerstreifen, der hart vor dem Mysterienheiligtum lag. dem rarischen Feld, auf dem die heilige Ptlügung Statt fand, lag die Tenne des Triptolemos, lag vor allem ein Altar des Heros, folg- lich muss er an der heiligen Pflügung im Dienst der Demeter beteiligt gewesen sein. Die Kultushandlung kann nur ihm als dem Erfinder des Pfluges gegolten haben. Und wie lagen die Verhältnisse in Athen? Hier hat als erster Ptlüger in der alten Zeit unbestritten ßuzyges gegolten. Auf der Burg von Athen hat man noch in späten Zeiten als lleiltum seinen Pflug ge- zeigt. Dann vollzog sich die Vereinigung des Staates Eleusis mit Athen und es kam der Vergleich auf kultlichem Gebiet zu Stande. Ein Resultat dieses Vorgangs ist zweifelsohne der Kult von Skiron. Die Kultgemeinschaft von Athena, Posei- don, Demeter und Kora zeigt uns deutlich, dass hier der- selbe Prozess sich abgespielt hat, wie am Abhang der Burg von Athen. Das hat Robert in seinem Aufsatz über Athena Skiras und die Skirophorien endgültig festgestellt1. Eine zweite Folge des Compromisses ist der Tempel der Demeter Ghloe neben dem heiligen Feld an der Akropolis, dessen Er- richtung an dieser Stelle nichts anderes bedeutet, als die Ein- beziehung der Demeter und Kora in den auf diesem Feld ge- pflegten Kultus (vgl. Robert-Preller, Griech. Mythologie 1 S. 771, O. Kern, Athen. Mitth. 1893 S. 192 ff.). Und ein drittes

1 Hermes XX S. 373. Eine andere Frage ist es, ob wir die Pflügung sä! Extpw auch so erklären dürfen, wie es Robert a. a. 0. und ihm folgend Tüpll'er, Attische Genealogie S. 138 getlian haben. Skiron ist nicht etwa ein neutraler Tunkt in der Mitte zwischen Eleusis und Athen, sondern eiu hart vor dem Dipylon gelegener Vorort Athens. Eine Verlegung der ältesten Pflügung hierher würde daher für Eleusis auch nur eine Cedirung seiner Rechte an Athen bedeutet haben. In Skiron hat wol eine alte Pflugsage wie am Fu>>s der Akropolis am Boden gehaftet, und es ist dasWahrsc'icinlichste, dass auch diese Ptlügung ursprünglich nur im Dienst der Athena Statt halte. Demeter und Kora sind erst nach der Vereinigung von Athen und Eleusis in die Kultgemeinschaft aufgenommen worden.

tii O. nUBENSOHN

Denkmal des gleichen Ereignisses ist der Tempel des Tripto- lemos neben dem Thesmophorion auf der Pnyx. Vor diesem Tempel stand ein Sitzbild des Epimenides und neben diesem ein äoO; yx\y.vjc, ob. ie, öuaiav iycaivo;. Das ist also das Bild des ersten Pflügers auf dem Buzygion (so auch im Commentar von Hitzig- Blüm ner zu Paus 1, li. \). Und aus welchem Grund ist das Bild dieses Mannes hier aufgestellt worden? Dafür giebt es nur eine Erklärung. Der in dem Tempel ne- ben dem Thesmophorion verehrte Triptolemos muss der Pflü- ger Triptolemos gewesen sein. Damit haben wir hier das re- dende Zeugniss dafür, dass im Kultus von Athen Triptolemos neben, wenn nicht gar über den Buzygen Epimenides getre- ten ist. wie Demeter neben Athena. Wie sich seit der Ver- einigung von Eleusis und Athen Demeter und Athena in den Besitz des heiligen Ackerstreifens an der Burg teilten, so teil- ten sich ihre Schützlinge Triptolemos und Epimenides in die Ehre, der erste Pflüger gewesen zu sein. Davon. dass man des Buzygen bei der Feier auf dem rarischen Feld auch nur ge- dacht halte, wissen wir nichts und haben auch keinen Grund anzunehmen, dass er hier dem Triptolemos seine alten Rechte streitig gemacht hätte. In Sachen der alten Pflugsage hat also Eleusis keine Concessionen gemacht, sondern nur Athen. Wer in Skiron als erster Pflüger verehrt wurde, ist nicht überliefert, aber es ist nicht zu bezweifeln, dass hier wie auf dem Buzygion in historischer Zeit Triptolemos Anteil am Kult gehabt hat. Es könnte unter diesen Umständen wunderbar erscheinen, dass in den uns erhaltenen zahlreichen bildlichen Darstellun- gen der Triptolemossage namentlich in der fast unübersehba- ren Menge von schwarz- und rotfigurigen Vasenbildern Tri- ptolemos immer nur in dem Moment dargestellt wird, in dem er von Demeter die Getreideähren empfängt und den Flügel- wagen besteigt, und dieser Mangel an Denkmälern mit Wie- dergabe des Pflügers Triptolemos aus älterer Zeit war auch Für Kern ein Hauptgrund für seine in dem angeführten Auf- satz aufgestellten Behauptungen. Indessen liegt die Erklärung für dieses Verhältniss auf der Hand. Der für die bildende und

ELEUSINISCHE BEITKAEGE 65

dichtende Kunst wichtigste Zug aus der Triptolemossage ist der Moment der Aussendung. Nachdem sich für die Darstel- lungdieses Vorgangs einmal ein Typus herausgebildet hatte, ist er von den Vasen malern immer und immer wiederholt wor- den. Die Ausbildung diesesTypus für die bildnerische Wieder- gabe des Triptolemosmythus ist aber in einer Zeit vor sich "ejmngen, in der sich die Kultsage von Eleusis der atheni- sehen Agrarsage gegenüber noch nicht in allen Punkten durch- gesetzt hatte. in der besonders dem Topfer im Kerameikos sein angestammter Heros Epimenides noch näher stand als der eleusinische Eindringling.

Indessen fehlen die bildlichen Denkmäler für den Pflüger Triptolemos aus älterer Zeit doch nicht ganz. Wir können heute zwei beibringen. Das eine ist schon seit langem bekannt und schon vielfach publizirt. nur hat es gerade Kern in seinem Aufsatz ganz unbeachtet gelassen. Es ist das Bild eines rot- figurigen Glockenkraters attischer Arbeit etwa aus der Mitte des 5. Jahrhunderts. Er stammt aus Cumae und ist aus der Sammlung des Duc de Luynes in die der pariser Nationalbi- bliothek gelangt1. Triptolemos die Ähren in der einen, das Scepter in der anderen Hand haltend ist im Begriff den Flü- gelwagen zu besteigen und wendet sich dabei nach den bei- den Göttinnen um, welche nicht wie sonst zu beiden Seiten des Heros, sondern hinter ihm angeordnet sind. Ihm zunächst steht Kora im dorischen Chiton mit Apoptygma, in jeder Hand eine grosse brennende Eackel haltend, ruhig da. hinter ihr steht Demeter, gleich gekleidet wie Kora. nur mit. etwas anderer Haartracht. Sie hält mit beiden Händen einen grossen Pflug, um ihn ihrem Schützling zu übergeben. Um den dargestellten Vor- gang richtig zu verstehen, müssen wir uns den Zusammen- hang der Sage veranschaulichen. Nach dem Mulms lehrt De-

' Vgl. BiblioViique imperiale, Departement des midailles, Descriplion sum- maire S. 155 Nr. 696. Abgebildet: Bull. arch. Napolelanu 1842 Taf. 2. 6lite ciram. III Taf. 64. Jahn, Leipziger Berichte 1861 Taf 1,3. Overbeck, Kunstmythologie Taf. 15 Nr. 13. Vgl. Winter, Jüngere altische Vasen

s. ;i Nr. IT und 8. 2?.

ATHEN. MITI 'HEU .1 FNGEN XXIV. •'

66 0. RUBENSOHN

meter den Triptolemos das Pflügen auf dem rarischen Feld und übergiebt ihm dann die Ähren. damit er diese mit Hülfe des Plügelwagen8 auf der ganzen Erde verbreite. In keiner poetischen Gestaltung der Sage und auch nicht in der eleu- sinischen Fassung der Sage ist behauptet worden, dass Deme- ter dem Triptolemos den Pflug mit auf den Wagen gegeben habe, um ihn überall zu verbreiten. Der Vasenmaler hat diese beiden zeitlich getrennten Vorgänge zusammen zur Darstel- lung bringen wollen und hat sie zu dem Zweck zu einem ein- heitlichen Vorgang verschmolzen. Er hat das sehr geschickt gemacht. Demeter trägt den Pflug nur herbei, Triptolemos blickt sich nach ihr um, und wenn wir auch erwarten, dass im näch- sten Augenblick Triptolemos, wenn er sich niedergelassen hat, den Pflug aus den Händen der Göttin entgegen nehmen wird, so ist doch immerhin eine eigentliche Überreichung des Pflu- ges nicht dargestellt. Der Vasenmaler hat sich also nur mit ei- ner Andeutung dessen, was er zur Anschauung bringen wollte, begnügt, aber trotzdem ist klar, dass er sich gegen den Wort- laut des Mythos vergangen hat. Die Berechtigung hierzu mag er aus localen Sagenformen geschöpft haben, die, wie wir oben S. 62 sahen , in Triptolemos nicht nur den ersten Pflüger auf dem rarischen Feld, sondern den Lehrer des Ackerbaus überhaupt, speziell den ersten Pflüger an verschiedenen Orten Griechenlands erblickten. Wenn ein Künstler einer Vereini- gung dieser verschiedenen Versionen mit einander Ausdruck geben wollte, so konnte er das sehr wol auf dem von unserem Vasenmaler eingeschlagenen Wege thun. Danach ist es wol einleuchtend, dass wir die Deutung, die Overbeck, Bloch u. a. unserem Vasenbild gegeben haben, dass nämlich der Pflug hier ein bedeutungsloses Attribut 'der Kora' wäre, an Stelle dessen der Maler also ebensogut die Ähren, ein Scepter oder Fackeln hätte setzen können, ablehnen müssen. Nur mit Bücksicht auf den ihm vorschwebenden Akt des Mythos hat der Vasenmaler die Göttin mit dem Pfluu; ausgestattet; der- jenige, der unseren Krater gemalt hat, kannte Triptolemos als Pflüger und kannte Demeter als des Heros Lehrmeisterin.

BLEUSINISCHE BE1TUAEGE

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Neben dieses Vasenbild tritt nun es ergänzend und bestäti- gend eine neue Darstellung, die wir hier zum ersten Mal ver- öffentlichen können (vgl. Taf. 7). Es befindet sich auf einem Skyphosdes berliner Museums. Für die mir gütigst erteilte Er- laubniss zur Veröffentlichung des interessanten Denkmals spreche ich Herrn Geheimerat Kekule von Stradonitz meinen verbindlichsten Dank aus, auch Herrn Dr. Pernice, der die Anfertigung der Zeichnungen überwacht hat, bin ich zu Dank verpflichtet. Die Vase entstammt einem in Böotien gemachten Grabfund, aus dem noch einige andere Vasen in das berliner Museum gelangt sind. Die Form des Gelasses veranschaulicht

die nebenstehende Abbildung. Es gehört zu einer Klasse von Vasen böotischer Fabrik, die sich unter dem Eintluss der jün- geren attischen Vasengattung entwickelt hat. Die Vasen heben sich durch ihren hellrötlichen Thon.den stumpfen schwarzen Firniss, ihre meist etwas plumpe Form besonders häulig sind Glockenkrateie , Ivantharoi mit meist sehr hohen Hen- keln und Skyphoi,doch kommen auch Schalen vor und die zwar Hotte aber durchaus unfeine Zeichnung deutlich von den jüngeren attischen Vasen ab. Der Fundort ist fast ausschliess- lich Böotien, exportirt scheinen die Vasen nicht zu sein. Inder älteren Gruppe dieser böotischen Vasen, zu der unser Stuck

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gehört, fehlt durchaus die Anwendung von Weiss, das bei den späteren Stücken sehr häufig verwandt wird. Diese ältere Gruppe ist aller als die Kabirionvasen, sie gehört wol noch ganz dem 5. Jahrhundert vor Chr., spätestens den ersten Jahrzehnten des 4. Jahrhunderts an.

Besonders beliebt sind auf diesen Vasen Scenen mythologi- schen Inhalts und dem Kultus Entlehntes, und auch unser Skyphos zeigt auf beiden Seiten mythologische Scenen. Die beiden Bilder sind, wie meist auf diesen Vasen, durch zwei unter den Henkeln befindliche Palmellen mit aufrecht stehen- den Ranken zu beiden Seiten von einander getrennt. Da eine Publication des gesamten Fundes in Aussicht steht, lasse ich das Bild der einen Seite, ein Parisurteil, ganz ausser Betracht und beschränke mich hier auf die für unser Thema wichtige Darstellung der anderen Seite1.

1 Der Glockenkrater des griechischen Nationalmuseums Nr. 1385, ein zeitlich und stilistisch unserem Skyphos sehr nahe stehendes Stück, hat als Bild der einen Seite ein Parisurteil, das in den Typen, in der Gruppirung der Figuren und in der Ausstattung der ganzen Scene mit Bäumen und Bodenlinien sich sehr natu' mit der Darstellung des berliner Skyphos be- rührt. Das Bild der anderen Seite zeigt Artemis, dem Apollo die Spende eingiessend und Leto in Delphi (Dreifuss und Omphalos). Überhaupt über- wiegen bei diesen älteren Vasen der böo tischen rotßgurigen Gattung die Darstellungen aus dem dionysischen Kreis noch nichl wie bei den späteren böotischen Vasen (vgl. Rayet- Collignon, Histoire de la cSramique S. 291). Das dort veröffentlichte Bild eines Kantharos stellt wol nicht Dionysos dar, sondern einen beroisirten Toten, es ist ein Totenmahl; auf der Rückseite des Gefässes findet sich Athena zusammen mit einem Jüngling auf einem Zweigespann nach links sprengend. Dem Kult eines Heilgotles sind die Sce- nen auf dem E^a. Apy. 1890 Tal'. 7 veröffentlichten Gefässe entlehnt (vgl. Kern ebenda 8. 131 ff.). Nr. 1383 des Nationalmuseums, ein Glocken- krater, bietet a) Selcne auf Wagen mit zwei Flügelrossen über das Meer fahrend, b) Athena auf Viergespann. Nr. 1373 ein hoher Kantharos, bringt auf beiden Seiten einen bewaffneten Jüngling vor einem auf Lehnstuhl sit- zenden bärtigen Mann mit hohem Titos auf dem Kopf, sicher eine Scene aus irgend einem Heroen - oder < rötterkult. I >ie schon von M. Mayer (Athen. Mitili. 1891 8.304 Anra. 1) erwähnte Schale Nr. 1407 des Nationalmuseums bringt zwei Scem-n aus der Hermessage. In der von Mayer beschriebenen dritten Scene ist der Satyr sicher Marsyas im bekannten myronischen Ty- pus; sollte nicht der .liin-ling in der Pelzkappe Olympus zu nennen sein?

ELEUSIMSCHE BEITHAEGE 69

Diese ist so klar und deutlich, dass sie nur weniger erläu- ternder Worte bedarf. Triptolemos nur mit einem kleinen Mäntelchen bekleidet, das auf der linken Schulter aufliegt und um den linken Unterarm geschlungen ist, in dem langlocki- gen Haar eine Tänie und einen Kranz, steht ruhig nach links gewendet da, mit der linken Hand hält er den grossen Pflug, die rechte streckt er der vor ihm stehenden Demeter entgegen, die ihm mit ihrer rechten Hand die Ähren überreicht. Beklei- det ist die Göltin mit Chiton und Mantel, im Haar trägt sie ein Diadem, im linken Arm hält sie ein Scepter. Hinter Tri- ptolemos steht in gewohnter Weise mit zwei Fackeln ausge- stattet die, jugendlicher als die Mutter, nur mit dem Chiton bekleidete Kora; auch sie trägt im Haar ein Diadem. Wir ha- ben also eine Darstellung der Aussendung des Triptolemos vor uns, das genaue Gegenstück zum Bild des eben besprochenen Kraters. Hier hat Triptolemos bereits den Pflug erhalten und empfängt nun noch die Ähren, dort hat er bereits die Ähren und wird nun noch den Pflug erhalten, den Demeter herbei- trägt. So ergänzt und bestätigt die Darstellung des einen Ya- senbildes die des anderen.

Bemerkenswert ist, dass Triptolemos ohne seinen Flügel- wagen erscheint. Das findet zwar eine Parallelle im grossen Belief aus Fleusis ', auf Vasen ist diese Darstellung aber ganz singulär. Ihre Erklärung findet sie. glaube ich. in der auch bei unserem Vasenbild vorliegenden Verquickung der beiden im Mythus getrennten Vorgänge. Wie der Maler des besprochenen Kraters, so hat auch der Verfertiget' unseres Skyphos seinem Glauben Ausdruck verleihen wollen, dass Triptolemos nicht

Wie mau sieht, sind auf diesen Vasen alle möglichen Kulte und Mythen vertreten. Die ganze Vasengruppe verdiente eine einheitliche Behandlung. Indem von Welcker, Zeitschrifl für all.' Kunst Tai'. 2, 8 (▼gl. Matz- Diilni Nr. 3669) publizirten archaistischen Puteal erscheint Triptolemos zwar auch ohne Flügelwagen, aber der gewöhnlichen Anschauung isl doch in soweit Rechnung getragen, als dem Heros Fussflügel verliehen sind Auf dem berliner Karneol 6747 ist nichl die Aussendung dargestellt, er kommt also nicht in Betracht.

70 0. RURENSOHN

nur der Verbreiter des Getreides auf der Erde, sondern auch der erste Pflüger gewesen. Ganz konnte ersieh aber nicht von dem traditionellen Typus der Triptolemosdarstellung frei machen, so hat er sich denn damit geholfen, dass er einen Zug aus der Pflugsage in die ihm geläufige Darstellung der Aussendung hinein componirle. Während auf dem Krater aber Demeter den Pflug herbei trägt, ist hier die andere mögliche Lösung für dieses Problem gefunden, der Maler gab dem Heros selbst den Pflug in die Hand. Hierdurch wurde aber der Schwerpunkt der Dar- stellung verlegt, vor dem Sendung Triptolemos mit den Ge- treideähren trat der Pflüger Triptolemos in den Vordergrund. Dieser hat und braucht aber in der Sage keinen Flügelwagen, also hat er auch im Vasenbild keinen erhalten1.

Die beiden Vasen, die so den Pflug des Triptolemos in die Aussendungsscene hineincomponirt zeigen, stehen allein, sie bedeuten nichts gegenüber der Unzahl von Vasenbildern, die das gewöhnliche Thema der Aussendung mit mehr oder we- niger Variationen wiederholen. Es ist daher nicht erlaubt, ir- gendwie weitere Folgerungen für den Sagenzusammenhang an diese Darstellungen zu knüpfen. Es wäre falsch auf Grund dieser beiden Bilder eine Sagenversion zu construiren, in der Triptolemos mit dem Pflug auf seinem Flügelwagen über die Erde zieht. Beide Vasenbilder sind spontane Einfälle der Va- senmaler, beide sind unabhängig von einander entstanden. Aber eins beweisen beide. Der attische Krater und der böoti- sche Skyphos sind beide Zeugen dafür, dass alles was sich aus der Überlieferung für den Kultus des Pflügers Triptolemos in Attika ergiebt, echtes unverfälschtes Gut des fünften Jahrhun- derts ist, und es darf nicht mehr bezweifelt werden, dass der

1 Abzulehnen wäre eine AufTasung, die liier gar keine Aussendung, son- dern die Übergabe des Getreides an Triptolemos zur Aussaat auf dem eben gepfliigb'ii rarischen Feld sehen wollte. Damit würde das Vasenbild ganz aus der Reihe der gewöhnlichen Triptolemosbilder heraus fallen. Eine derartige Selbständigkeil ist aber unserem Vasenmahr nicht zuzutrauen, der seine beiden Göttinnen ja auch indem gewohnten Schemader Aussendungs- bilder wiedergegeben hat.

ELEUSINISCHE BEITRAEGE 71

Kultus nichts ausspricht, was nicht auch den Anschauungen des Volkes entsprach, denn unsere Vasenhilder sind nicht ein Niederschlag des Kultus. Der Pflüger Triptolemos hat wie im Kultus so auch im Mythos inderlocalen Beschränkung. die wir ohen angedeutet haben, zu allen Zeiten gelebt, sein Namen ist ein lebendiges Zeugniss dieser Anschauungen. Neben diesen beiden alten Denkmälern kommen die späteren monumentalen Zeugen für den Pflüger Triptolemos kaum in Betracht. Sie sind von Overbeck, Kunstmythologie II S. 588 und von Otto Kern in dem mehrfach erwähnten Aufsatz im Genethliacon Got- tingen se zusammengestellt worden.

Athen.

O. RUBENSOHN

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EIN GRIECHISCHER REISEBERICHT DES FÜNFZEHNTEN JAHRHUNDERTS

Ludovico Muratori veröffentlichte in seinem Thesaurus in- scriptionum unter den zahlreichen griechischen Inschriften, die meist aus t\en Tagebüchern des Cyriakus von Ankona stammen, auch einige wenige, die sich nirgends sonst unter den cyriakanischen finden, mit der Angabe e sckedis Ambro- sianis oder e schedis meis. Es sind besonders vier Inschriften von Megara und eine von Theben, jetzt C. I. G Se/)t I 90. 112. 110. '«9. 1765. Diese müssen also von einem anderen Reisenden in Griechenland abgeschrieben sein.

Bei dem Suchen nach den Quellen des Muratori fand ich in der Ambrosiana die Handschrift. aus der er diese griechischen Texte zweifellos genommen hat. Es ist der Codex Ambros. C 61 int" . eine Miscellan-Handschrift in kleinem Quart-For- mat,zusammengesetzt aus zahlreichen Blättern mit lateinischen und griechischen Inschriften, viele von Job. Vinc. Pinelli, 1535-1601, gesehrieben (vgl. CIL. III S. 273, xvn). Dort stehen f. 94 die genannten Inschriften, deren Collation nur er- gab, dass C.l G. Sept. I 1 10 Z. 6 der Codex hat s-rou? ß TTC , nichtH, 'i9 n X 6 otxria h xy.co-ola. 8. nicht fc); aber es folgen ihnen noch andere lateinische, darunter solche, die zuerst oder allein aus dieser Handschritt in das C. I. L. aufgenommen sind, und die zwei Seiten sehen ganz aus wie das Stuck einer ordentlichen Inschriften - Sammlung. Dazu kommt, dass sie deutlich die Spuren einer alten Paginirung tragen, f. 94 war f. 8, 97 warf. 11. Ich prüfte nunmehr die vorhergehenden und folgenden Blatter und fand, dass I'. (. > ^ - 9 4 unbeschrieben sind, aber f. 88 von derselben llaml eine Reisebeschreibung in italienischer Sprache beginnt, die verdient, wörtlich mit- geteilt zu werden. Sie ist schon zu CLL. III 549 citirt, vgl. auch S. xxxi unter Pinelli. Die Schrift ist klein, sehr schlecht

EIN GRIECHISCHER REISEBERICHT DES XV. JAHRHUNDERTS 73

und voll Abkürzungen, sodass es mir an einigen Stellen nicht gelungen ist, alles zu entziffern. Den Text gebe ich genau. wie er in der Handschrift steht ; ausgeschriebene Abkürzungen sowie Verbesserungen sind durch runde Klammern bezeichnet. Accente habe ich oft hinzugesetzt.

f. 88. 1 . Da modo(ne) a corofne) per terra m(iglia) 1 8, da co- ro^ne) in porto vitulo etindi a monovasia -p(oi) a porto Cypa- ris(sia), a napolidi romania, e da napoli per terra verso athene caminando circa 15 m(iglia) trovassimo un castello chiamato ayivapt, el quäl e sopra in monte altissimo soto Corintho, e passando apresso Corintho da la parte di dietro passassimo heximil(ia, e poi intrassimo in montagne altissime e fra le al- tre trovassimo moragis et un altra y.x/.zr, itkxyn, la quäle e altissima ; e durano le dette montagne piü de grossi 1 2 miglia, poi gionghissimo a megara. Da megara partess(imo) e trovas- simo per via un castello chiamato aXs'i'.va, dove sono assaissimi marmori e altri sassi quadrati et altre grande ruine e colonne, e sopra tutto e una chiesia bellissima tutta lavorata de mar- mori e de musaicho piü hello, che mai habbia veduto, e se di- manda il detto monasterio Sacpvr, et e longi d' athene m(iglia) 5.

2. La cittä d' athene e posta in una valle longa circa 12 m(iglia), larga circa 6 et e lontana da la marina circa 3 m(i- glia), ma dal porto Pireo 5 bona miglia, et e la rocha aedi- ficata sopra uno monte non molto alto , e le habitatio(ne) sono verso septentrio(ne) zioe la terra murata, dove se exten de la pianura. Sono ancora da la parte destra, chi e verso la ma- rina, alcune altre habitatione, e [anche?] verso levante sono alcune habitatione, in tanto che quasi tutto il monte e circon- dato di case ; e in summitä del monte e aedificata la fortezza, et h un lortissimo castello e muri antiqui con sassi quadrati, et e longo el ditto castello circa u n) 4ü(di) miglia. et estendisse la longezza ab occidenle in levante aedih'eio molto hello da ve- der, |f. 88'| et e nel detto castello una chiessia che uiä In tera- pio antiquo de romani molto mirabile tutto de marmore con col(on)ne a torno, et e oblongo pur ab occidente in orientem, e la fazza davanti nel fronto sono inliniti imagini ili marmoic

74 E. ZIEBARTH

di tutto rilievo et copert(i) tutti di marmori. K ancora nel detto castello un dignissimo palazzo antiquo apresso la delta chie- sia, et h tutto di marmore fatto alla romana.

3. Sono ancora molte altre antiquitate circumcirca, parte dentro della terra ultimamente murata, parte defora. Li muri antiqui sono tutti ruinati, ma ancora appare le vestigie per tutto, e sono muri grossi con sassi quadrati, di qualli sono alcuni, che 4 paia de bovi non li tireriano. II circuito suo e piü che padoa, et la mazzor parte de li aedificii se vedono sono dentro di detti muri antiqui, de li qualli praecipui m'ap- pars(er)o notare quelli, che seguitano.

4. Verso sirocho levante sono 20 colonne in pie, per le qualle ci comprendeesser sta(to) uno aedificio grande quadrangolare,e la longezza e un bon tratto d' arco over balestra, da un canto all' altro, la l(ar)gezza non se po comprender, perche da una parte non sono alcune vestigie dove finisse el detto aedificio; sono solamente doi canti et in quello, che e verso lacittä.sono 9 colonne et in V altro 1 1 , e sono intra | f. 89 1 ordine c(he) mo- stra, che seguitasse cosi fino all' altro cantone; le intermedie d' alcune sono anchora in terra; alcune del tutto loro; par che'l detto aedificio fusse tutto sopra le dette colonne, per- che ancora sono alcuni sassi sopra le colonne, che va(nno) da una colona all' altra, et in terra non si vede alcun muro, ma solo el piano de le colonne, et tutto lo aedificio e di fino mar- moro ; le colonne sono grande quanto quelle de S. Marco ma sono de pezzi.

5. Pocho lontano dal detto aedificio verso athene c'e un bei arco triumphale, et e tutto intiero e di marmor fino, nel quäl sono queste letre in la fazza verso athene :

AIAEI2AOHNAIOHZEß?HPPINnOAU {CIA. III 401), in 1' altra fazza verso Oriente sono queste letre :

AIAEI2AAPIANOY O XI OHSEft; nOAls (CIA. III 402).

6. Ancora da quella parte, non molto distante da le colonne

EIN GRIECHISCHER REISEBERICHT DES XV. JAHRHUNDERTS /D

verso tramontana una porta senza altro aedificio, la quäl par sia stata per memoria di sepultura, come se pol comprender per le lettere. che sono scritte in la parte de sopra e cosi in una parte dentro di una palestrada, le quäl dicono

ANTQNIA H KAI (C.I.A. III 1423) req(ui)re reliqua.

7. Circa un buon mi(gli)o fora di la terra, pur da quella parte, dove stano li frati de la mala opinione, fra certi mon- ticelli e il theatro non in forma rotunda ma longa et e assai grande fatto de li proprii monti.

8. Ancora e da quella parte verso griego lontana da la terra circa un buon m(igli)o a pie d' un monte un areo triumphale assai hello, ma piü de la mitä per terra, e tutto di belli |f. 89 'j marmori , nel quäle sono queste lettere

IMP. CAES. T. (C. I. L. III 549> al suo loco vedeti, il quäl arco fu fatto in memoria de Adriano imperatore, et quäl fece far un condutto d' aqua, per condur(la) in athene. del quäl ancora par le vestigie al pie del detto monte, e in questo loco dicono li homini grossi esser stato il studio di Aristo- tele, ma non e alcune vestigie del aedificio antiquo. Ma credo piü presso fusse quello aedificio , dove sono le 20 colonne grande, reaedificato in memoria del studio antiquo di Aristo- tele et altri antiqui phil(osophi\ perehe b in f(orima de portico aperto da ogni banda. ma parre, come h detto, che fusse co- perto di marmore et non e alcuna scraja del muro.

1). Item non molto longi fora de la terra al presente habi- tata verso Oriente nel borgo e uno aedificio molto hello di mar- moro fino, la fazza del quäle e precisamente un quadro cerca doi passi largo per fazza. sopra del quäl sono 6 colonelle e Ira 1 una e 1' altra sono lastre, che vanno al fondo in f^ormja de una Ianterna , e sopra queste colonne e un hello corni- cione, dove sono questi versi da la parte, che h verso levante

arcoapaTY]? AiTifleiSou x.ik>jvsu; sy opviyei (C.I.A. II 1242^. Suo loco q(uae)re.

La cuha h bellissima fatta a schaglie con uno fioro in trian- golo ; a che proposito fusse fatto tal aedificio non ho potuto comprender.

E. Z1EBARTH

li^. Item verso mezzodi over ostro apresso li muri del ca- stello sono '2 colonne di marmori in pie assai belle e per non haver potuto a(c)costarme non ho compreso, quello che sia.

11. Item da quella parte medesima circa mezzo miglio lun- ta(no) dal castello over rocha e una degna memoria de j f. 90 | Caesare nerva trajano, c(ioe) uno aediiicio tutto di marmoro lino, largo in fazza cerca passi 4 e alto cerca passi 3. et la t'azza davanti, che guarda verso atliene. in f'(orm)a arcu(ata?) et e divisa in 3 spazzi per largezza e 2 per altezza deli 3 di so- pra e questo uno, che e verso ponente, et e tutto per terra, ma in quello di mezzo e uno re sentando in cathedra et e mazzor di commune statura d1 homo. Soto el quäl sono queste letre

^•.XoxaTVTco«; avxi<pxvT] ßY]?a.isu; ( C. 1. A. III 557 d )

in la parte Orientale e uno altro re di simil statura e sen- tando simelmente. Soto el quäl sono queste letre

ßaaiXsu? avnoyo? {äaiüscos ävtio/o-j (C. I.A. III 557 c), le quäl imagine sono perfettissime e tra uno e 1' altro e una colonna piana, ne la quäl sono queste letre latine C. IuliusC. F. fabantio etc. (CLL. III 552) q(uae)re suoloco, ma per esser molto atre e non grande non pussi scriver per- l't'ttamente. In la parte di soto in mazzor lo imperatore se('n)- ta(n)do in uno caro triumphale lirado da 4 cavalli; in li altri spacii, (zoe uno) verso Oriente e l' altro verso occidente, sono 4 homini vestiti alla longa non armadi, parte che sono tutto oro(?), 4 vano davanti e quatro da drieto, ma queste imagine di soto sono tutte di mezzo relievo e sono in tutla perfettione. L' opera e digniss(im)a di memoria, (anchora) che sia giä parte ruinata, et e posta sopra im monte all' inscontro de la rocha, e tarnen parr\ che fusse intra li muri de la citta an- tiqua, come mostrono le vestigie de li muri antiqui.

t2. Item da la parte occidental e uno aedificio luito intiero |f. 90| simel(e da fazza) a quello, che e in la rocha, non con quelle imagine rna schieto in f(orm)a longa con im portico in- lorno con molte colonne tutte intiere, et h coperto tulto di marmoro sen/.a alcun legname, opera dignissima da conos(cere); l'u in ogni mo(do) tempio di dei.

EIN GRIECHISCHER REISEBERICHT DES XV. JAHRHUNDERTS 77

13. Non molto lunta(no) dal detto aedificio andando in athene apresso la via e un ho. mo) integro di fino marmoro di grande statu ra.

14. Item a u(n) canto de ü muri della terra, che e tra po- nente e tramontana, e un grandissimo aedificio et e in f(ormja quadrata ; alla fazza per ponente e una porta bella con un por- tico con 4 colonne, per la quäl al presente s'entra nella terra; in la parle senestra della detla porta sono 5 belle colonne e grandi al ornamento del muro, alla destra e solamente el muro di marmori quadrati, et e tutta la detta t'azza cerca un ti rar d'arco; 1' allra fazza che guarda verso tramontana, non ha al- cuno ornamento esscepto il corniso di sopra, ma e un hei muro e scno 3 torre, una per canto e una in mezzo, la quäl fazza e piü di un Iratto .ajbalestra longa. Questi due fazze sono tutte intiere, ma le altre doi sono ruinate, mostra esser stato un grande et hello aedificio.

J5. Dentro la terra e primieramente un edificio non molto grande tutto inliero in S fazze con una bella cuba et imme- diate soto el corniso sono 8 imagine da mezzo rilievo mazzor che Statur d' homo, e sono distese con diversi atti : gittano vento, ch i con un corno, chi con el gremio. chi con la hocca e sopra eiaseuno e scritto el nome suo ßoppac etc.; al presente e una chiesia dei greci et e opera molto degna, tutta di marmoro.

16. Apresso questo 4 colonne in piedi grandi e belli e da una colonna al altra cioe sopra sono |f. 91 | quadroni di mar- moro lavorati digniss(imo) ; non se po considerar quello fusse, perche sono case da ogni parte, e questi doi aedilicii sono da la parte oriental de la piazza.

17. Da 1' altra parte cioe Occidental non molto longi da la piazza e im arco triumphale asai hello con molte letre grece, ma non se polleno lezzere tutte, e li appresso e una colonna quadra, circa un passo e mezzo alta et e tutta scritta alla parte davanti. Se dise che sono le lezze d' atbeniesi.

18. Asai altre colonne e sassi sc trovano dentro da la terra et di fora, e sopra tutto di belle statue over i magine.

19. AI porto e im leone grande di marmoro e sta sentatlo

78 E. ZIEBARTH

e quasi che un homo a cavallo non po'l zonzer alla bocha, tanto h alto ; par', che (da) la bocha gli esce aqua come fon- tana ; v('e) la opinione de ogni homo.

20. Soto Corinlho verso el colpho di patras erano aedificii antiqui, muri grossi de sassi quadrati. Sono auchora circa 12 over 14 colonne di marmoro in piedi belle et assai grande, e sono posti per squadro,e pocho distanle da quelle eunacolonna altissima, ma che sia di doi pezzi; la mita di soto e calce e la mitä di sopra tra in punta, sopra le quäl par fusse qualche imagine. Le habitatione di corintho sono tutte sopra el monte, el quäle e altissimo, et e la mazzor parte inaccessibile, e dove ascese bertoldo capitanode la S(ignoria), dove 1 dio fu morto e fatto doma d muro con una fortezza avcc(?), che tutto il mondo non possia intrare. Una sola via c da intrar e molto diflicile, ne anche se vide le habitatio(ne) da nissuna parte, excepto da quella e sopra il monte; ma essendo al piano non si vede cosa alcuna de la terra.

21 . Malvasia loco munitissimo h un scoglio, che volze cerca 3 miglia al pe et e solamente uno po(nte?) di passo andar in terra ferma, et e fatto a ma(no?) e per questo e chiamato uo- vo€a<na |f. 91 '|.

22. In lacedaemone non h aedificii antiqui excepto alcuni muri ex lapidibus quadratis, li quali circondano un colosseo, dove par, che fusse la rocha del antiqua cittä, et e longi do(?) un quarto di miglia trovai 5 belli sassi grandi con epigram- mati e lettere grece belle, de li qualli ne ho tolto 4, non tro- vai altro di bono, ma e il piü bei sito, che mai videsse, terra grassa e piena d' aqua vive oltra el bei fiume, che corre per mezzo la campagna chiamato eurota.

23. AJisitra c(erca) 3 boni miglia lu(n;ta(no) da lacedae- mone) sopra una costa de la montagna ; loco ameno e deli- catissimo e di natura munitissimo, dove anliquamente dicono esser stato sparta, et v lunta(no) del mare, cioe per la cam- pagna per vegnir al porto, cerca 25 miglia in 30.

EIN GI'.IECHISCHER REISEBERICHT DES XV. JAHRHUNDERTS 79

Auch von der zugehörigen Inschriften -Sammlung gebe ich nunmehr ein vollständiges Verzeichniss. f. 9'i. Syracusis (durchgestrichen).

Catania in diva agatha sunt 4 columnae et in 4 capi-

tibus i.aec: (CIL. X7018) in LABERIVS in II* Q. LVSIVS

in lila PPOCONSVL in IUI» THEPMAS ev y.eyapa

(C LG. \()19 = C.l.G.Scpt I 90> {C.l G. 1063= » 112)

(CI.G. 1062= b 110)

ev auTYi in quodam magno lapide

(C LG. 1068= » 49)

apud Thebas

{C.l.G. 1590= » 1765)

f. 95. Romae in colosso Commodi

(CLL. VI 975 in fronte) Athenis in quodam arcu triumphali ad radices cuiusdam montis. a quo deducebatur aqua in novas athenas (CLL. III 549) In monte qui sigillus d(icitu)r

(C IL III 552) £v eXgffivYi rc<ftei vixiXia (durchgestrichen). Messanae

(CLL. X 6976) (CLL. XI 975 in fronte) f. 95'. In Chio insula

(CLL. III 456) In tolmicio

(CLL. V 1848) f. 96. (CLL. V 2055)

Romae. Semicapri quicunque subis {CLL. VI* 24N Patavii. M. Arruntio MF. (CLL. V 2819) T. Livius GF. ( 2865)

M. Allenius i 2828)

Mediolani.

80 E. ZIEBARTH

f. 97. In Constantinopoli.

La giessia di S. Sophia e longa brazza venetiani I lO.cento

e dieci, larga tra le colonne br(azza) 44 ;

la largezza ultima 30, al tra le colonne br(azza) 10$

el portico avanti la cliiessa c(erca) br(azza) 89 la sua largezza c(erca) br(azza) 16

la suaaltezza dalasummitädela cuba br(azza) 8 4.

La largezza del bippodromo br(azza) 550 venetiani. et e da la parte del mare semicirculare con colonne grande e macc(?) sopra le quäle e im com i so grande e hello et aucora sono li anelli, dove si ligava le tende, et erano 4 0. hora sono 30, le base deli 10 ancora sevedono. La longezza del hippodromo, secondo che mostrano le due colonne, era br(azza) 168, hora per esser falto case da una banda e da 1' altra e soiu(m) br(azza) T2 I Je quäl case sono in tutlo separate da le colonne supradette in tanto, che non sono impedite da nes(s)una parte. Inmezzo del hippodromo per la longezza sono alcune colonne. tra le quäl una e quadra e molto alta et e di p(ietra), la quäl' era tutta coperta di metallo, come dichiara la infrascrilta inscriptione

to TETpareXsupov öaCax tüv {vgl. CLL. 111 S. 138)». E una altra colonna quadra come la guchia di San Pietro da R(om)a et e pocho raenor che quella, et e per ogni lazza characteri agyphic(i) over phaenici dal pe fino alla summitä. Da una facia de la sua basi sono questi versi greci

Kiova TSTpäwXgupov (CLL. III 737}

ne la fazza opposita sono questi versi latini

Difficilis quondam (Lhenda).

Wir haben also den ßericbt eines Reisenden vor uns, der von dem 'westlichen Seethor Griechenlands', von Modon teils zu Lande, teils zu Wasser über Korone, Porto vitulo (Ostküste des messeniselien Busens etwa Korone gegenüber, 8. Karte bei Stuart. Antiquities of Athens 1 1 1 . London 1794 ), Monemva- sia. K\ parissia nach Nauplia reiste und von dort über Korinth ',

' Das Casicll «yivapi ist wol ay.ov 8pi äüdlich von Tenea.

EIN GRIECHISCHER REISEBERICHT DES XV. JAHRHUNDERTS 81

Megara, Eleusis nach Athen. Zurückgekehrt ist er, wie es scheint, über Korinth, Sparta. Mistra. Derselbe Mann scheint auch die kurze Beschreibung des Hippodroms zu Konstanti- nopel verfasst zu haben. Auf dem Wege dorthin wird er Chios berührt haben (vgl. die Inschrift von Chios). Er war Vene- zianer, wie der Dialekt lehrt, in dem er schreibt, und wie er selbst andeutet, wenn er die Säulen von S. Marco und die Grösse von Padua zum Vergleiche heranzieht, auch von einem Capitano delta Signoria ohne weitere Bezeichnung spricht. Das er Italiener war, zeigt sich auch darin, dass er Bauten aus dem Altertum stets auf die romani zurückführt, die ihm geläufiger waren als die greci, unter denen er nur die Grie- chen seiner Zeit zu verstehen scheint. Er ist ein gebildeter Mann, versteht Griechisch und Lateinisch, beschreibt ziem- lich genau, was er sieht, gibt sich Mühe herauszubekommen, wozu die antiken Gebäude gedient haben und folgt nicht kri- tiklos der Lokal - Tradition, sondern bekämpft sie gelegent- lich. Die Entfernungen schätzt er auf seine Art nach Bogen - und Armbrustschuss ; kleinere Masse giebt er nach passi. Was aber das Merkwürdigste ist, er hatte sich eine förmliche und ordentliche Inschriften-Sammlung angelegt, auf die er in seinem Tagebuche mehrfach verweist, und deren Reste wir besitzen in den fol. 94-97 der Handschrift. Ebensowenig wie die Inschriften-Sammlung, in der Texte fehlen, die er in sei- ner Beschreibung anführt, aber auch Inschriften aus Italien und Sicilien stehen, vollständig auf uns gekommen ist, scheint der beschreibende Text unverkürzt zu sein. Schon die häufige und unvermittelte Anknüpfung mit Item deutet darauf hin. dass uns nur ein Excerpt erhalten ist.

Wer war dieser merkwürdige Mann und zu welcher Zeit leide er? Die einzige chronologische Angabe, die sein Text enthält, ist g '20 in der Beschreibung von Korinth, wo zwar der Text nicht in Ordnung ist. aber doch offenbar eine Stelle des Burg- l'elsens beschrieben wird: dove ascese bertoldo, capitano de la S{ignoria). liier haben wir eine genaue Zeitangabe, denn dieser Bertoldo kann, wie mich Herr Prof. \\ Judeich, des-

ATHEN. MITTHEILUNGEN XXIV. Ü

82 E. ZIEIURTH

sen sachkundigem Kate ich vieles in dieser Arbeit verdanke, belehrt, Niemand anders sein als der Condottiere Bertoldo da Ca d' Este, der 1463 im venezianisch-türkischen Kriege an der Spitze der Truppen der Republik zur Belagerung von Korinth schritt (24 Aug. - 20 Okt.), die Stadt nicht nehmen konnte, und selbst durch einen Steinwurf an der Schläfe getroffen dabei fiel (vgl. Sanuto, Vite de duchi di Venezia S. 1173c und Hopf, Gesch. Griechenlands bei Ersch und Gruber 86 S. 154). Nicht sehr lange nach diesem Ereigniss wird unser Rei- sender in Griechenland gewesen sein, sagen wrir um 1470'. Es ergibt sich also für die Kulturgeschichte jener Zeit die neue Thatsache, dassCyriakus vonAnkona nicht mehr allein steht in seinen Bestrebungen, dass sehr bald nach ihm ein anderer Italiener Griechenland in ähnlicher Absicht durchrei- ste, vielfach dieselben Monumente sah und schilderte, diesel- ben Texte abschrieb, also eine wertvolle Ergänzung der Be- richte des Cyriakus bietet, die uns ja leider nur in geringen Bruchstücken erhalten sind.

Ein solcher Mann war bisher schon bekannt, an den Herr Professor Dr. Brandi in Marburg erinnert, nämlich Francesco Squarcione , der Lehrer des Mantegna. Von ihm berichtet Scardeonius, De antiquit. urbis Patavii S. 370 : tibi egres- sus est ex ephebis et sibi per aetatem suo vivere modo licuit, statuit orbem invisere et urbes remotas et populos et nationes diversas peragrare . Quocirca annavigavit in Graeciam et totam illam provinciam pervagatus est; unde multa notatu digna, tum mente, tum chartis , quae ad ei us artis peritiam facere visa sunt, in de dornum secum tulit. Circuivit similiter totam Italiam et multos nobiles... sibi... fecit amicos (vgl. Crowe und Cavalcaselle, Hist. of painting in Northern Italy I S. 297 f.).

1 Ist diese Datirung richtig, so bleibt freilich sehr auffallend, dass indem ganzen Bericht kein Wort über die Türken fällt, nicht einmal beim Par- thenon, der seil I4GU türkische Moschee war. Vgl. Michaelis, Parthenon S. 55.

EIN GRIECHISCHER REISEBERICHT DES XV. JAHRHUNDERTS 83

Von Squarcione selbst wird freilich unser Bericht schwer- lich stammen, denn er starb schon 147 4 und zwar 80 Jahre alt, und hat seine Reisen gemacht als angehender Mann, also etwa gleichzeitig mit Cyriakus. Immerhin aber war in dem Kreise seiner Freunde und Schüler das Interesse für Griechen- land vorhanden, und aus Padua. das damals venezianisch war, kann unser Gewährsmann leicht gewesen sein.

Nicht unterlassen will ich schliesslich darauf hinzuweisen, dass Hieronymus Bononius, der einzige, der unseren Autor nachweislich benutzt hat (s. unten), von der Inschrift, die er aus ihm entlehnt, sagt: Habui ex Dominica Brixiano. Das kann ein Mittelsmann sein, kann aber auch der Sammler der Inschriften selbst sein. Näheres habe ich über ihn nicht in Erfahrung gebracht.

Wie aber auch immer der Autor geheissen haben mag, wir halten uns an seine Beschreibung und prüfen sie nunmehr näher.

Bei dem ersten Durchlesen fällt angenehm auf die klare und bestimmte Art, in der er seine Angaben macht. Die allgemeine Lage Athens wird genau und richtig beschrieben. Ahnliche Angaben über die Verteilung der Stadt um die Burg herum besassen wir bisher nur von Niccolö daMartoni (Athen. Mitth. 1897 S. 423 f.), der aber viel dürftiger ist. Der Hauptteil der damaligen Stadt lag demnach nördlich von der Akropolis, aber auch südlich und östlich standen einige Häuser, so dass wie heule die Burg fast überall von Wohnungen umgeben war. Naturgemäss ist unser Reisender sofort auf die Akropolis ge- stiegen. Er sah die gewaltigen Quadern in den antiken Mau- ern, und sein Blick fiel zuerst auf den Parthenon, dessen Na- men er nicht weiss, den er aber als antiken Tempel erkennt. Auffallend ist, dass er nur an der Front nach vorn, also wol an der Westseite, Marmor - Reliefs gesehen hat Ausserdem Parthenon nennt er auf der Burg nur noch einen antiken Pa- last neben der genannten Kirche, ganz ans Marmor Damit meint er die Propyläen, in welchen der herzoglich fränkische Palast eingerichtet war.

84 E. ZIEBAUTH

Dann geht er zur Beschreibung der antiken Gebäude über, die teils innerhalb teils ausserhalb della terra ultimamente murata d.h. der fränkischen oder sog. valerianischen Mauer lagen (vgl. Wachsmuth, Stadt Athen 1 S. 723, 3. Curtius, Stadtgeschiehte S. 314). Die meisten von ihnen lagen inner- halb der antiken Mauern, von denen er überall noch die Spu- ren bestehend aus grossen Quadern gesehen hat.

Seinen Rundgang beginnt er am Olympieion (§4), das er genau schildert, ohne eine Vermutung über seine Bestimmung und Namen zu haben. Weiter unten (§8), wo er bei Bespre- chung der Wasserleitung des Hadrian deren von Cyriakus eben falls bezeugte, auf Lokaltradition beruhende Bezeichnung als studio di Aristotele erwähnt, äussert er kurz, es scheine eher das Gebäude mit den zwanzig Säulen eine Erinnerung an das studio di Aristotele zu sein. Er sah 20 Säulen des Olym- pieion, während Cyriakus vor ihm 21 , Stuart nach ihm (1751) nur noch 17 fand (Athen. Mitth, 1889 S. 221). Diese 20 Säu- len zerfielen in zwei Gruppen, lt an der Süd-Ost-Ecke des Tempels, 9 an der Ecke, die nach der Stadt zu lag, d. h. an der West- Seite. Ganz genau kann diese Angabe nicht sein, da ja 13 Säulen an der Süd-Ost-Ecke zusammen erhalten sind. Immerhin sind demnach die 3 Säulen, die Stuart nicht mehr sah, in der West-Gegend des Tempels zu suchen.

Es folgt (§5) der Bogen des Hadrian mit den bekannten und von allen Reisenden mitgeteilten Inschriften C. I. A. III 401. 402. Dann fährt die Beschreibung fort (§6):

'Ebenfalls auf dieser Seite nicht sehr weit entfernt von den Säulen nach Norden zu ein Thor ohne weiteres Gebäude dazu, welches zur Erinnerung an eine Grabstätte errichtet zu sein scheint, wie man aus den Buchstaben schliessen kann, welche auf dem oberen Teil und ebenso auf einer Seite hinter einem Geländer geschrieben sind und welche lauten'. Von der In- schrift teilt unser Autor nur den Anfang: 'Av-roma y) *oumit und verweist auf die Sammlung, wo das übrige zu finden sei. Dort fehlt sie im Cod. Ambr. C 61 inf. , aber es kann kein Zweifel sein, dass sie identisch ist mit C. 1. A. III

EIN GRIECHISCHER REISEBERICHT DES XV. JAHRHUNDERTS 85

1423, die zuerst Muratori III S. mgcxcviu ex schedis Am- brosianis herausgab, der also ausser unserer Handschrift noch ein Exemplar der Inschriften -Sammlung des Anonymus besessen zu haben scheint, und die weiter von Kirchhof! in der Sammlung des ßononius gefunden wurde. Bononius, der den God.Cicogna 1874 um 1506 abschloss. wird sie zweifellos ir- gendwie aus der Sammlung unseres Autors genommen ha- ben. Er ist demnach der Erste, von dem sich seine Benutzung nachweisen lasst.

Nördlich vom Olympieion, d. h. etwa in den Anlagen des heutigen Zappeions, stand also um 1470 ein römisches Grab- denkmal, von dem weder Cyriakus noch ein späterer Reisen- der etwas gesehen hat.

Die Schilderung fährt fort im Osten von der Stadt1 (§7): 'Ungefähr eine gute Miglie ausserhalb der Stadtmauer und zwar auf der Seite, wo die frati de La mala opinione wohnen, zwischen einigen Hügeln ist das Theater, nicht in run- der Form, sondern langgestreckt und ziemlich gross aus dem Berge selbst gearbeitet'. Gemeint kann nur das Stadion sein, wo aber die genannten Klosterbrüder, wol die im XIII -XV Jahrhundert verbreiteten fraticelli della opinione (W. Ju- deich) wohnten, habe ich nicht in Erfahrung gebracht.

Die nun folgende Beschreibung der Wasserleitung des fla- drian (g 8) ist schon von Mommscn zu CLL. III 549 teil- weise abgedruckt. Der Bogen mit der Bauinschrift, die auch Cyriakus abschrieb, ist erst 1778 abgebrochen worden (Wachsmuth, Stadt Athen I S. 737,3). Stuart sah und be- schrieb noch die eine Hälfte.

Weilergehend schildert der Autor schliesslich noch östlich von der Burg das Lysikrates-Monument (§9).

Es folgt die Erwähnung der beiden spätrömischen Säulen hoch über dem Dionysos-Theater am Süd-Abhange des Burg- felsens (Wachsmuth I S. 734,1). Ehrlich sagt der Anonymus 'weil ich mich ihnen nicht nähern konnte, habe ich nicht ver- standen, was es sei'.

K Fora di la terra sc. ultimamente murata vgl. § 3. 1 i. IS.

86 E. Z1EBARTH

Im Süd-Westen sah er das Monument des Philopappos, das er sehr genau beschreibt (§11). Es ergibt sich, dass der rechte, westliche Flügel des Monumentes schon wenige Jahre nach Cyriakus teilweise zusammengestürzt war und an der Erde [per terra) lag', so dass die Inschrift unter der rechten Nische, C.I.A. III 557c, die allein Cyriakus sah, schon bei unse- rem Autor fehlt2. Von den Reliefs des Unterbaues (vgl. Athen. Mitth. 1876 S. 126. 1889 S. 222) sah er dagegen ausserdem Viergespann mit dem König sowol verso Oriente als verso occidente je vier Personen in langer Gewandung ohne Waffen, also wie es scheint auch noch das Relief der rechten Nische.

Mit § 12 kehren wir näher zur Stadt zurück. Unser Führer beschreibt zunächst das sogenannte Theseion, das er richtig als tempio di dei auffasst.

Vom Theseion nach der Stadt wandernd sieht er eine am Wege liegende Statue (§13) und durchschreitet sodann die valerianische Mauer, da er fortfährt: 'anstossend an die Mauern des zuletzt ummauerten Teiles der Stadt idella terra sc. ul- timamente murata vgl. oben) und zwar zwischen Westen und Norden liegt ein sehr grosses Gebäude'. Geschildert wird nun die Stoa Hadrians. Interessant ist, dass damals das West- Portal mit 4 Säulen noch stand, ebenso nach Norden anschlies- send 5 schöne Säulen als Schmuck der Mauer3. In derThat ist bei den Ausgrabungen der archäologischen Gesellschaft das Portal neben den 5 Säulen konstatirt worden, vgl. lloaKTiKÖt t9}<; ap£. 'Exaipsia? 1885 Taf. 1. 'EcpyifXEpt? äpy. 1888 S. 63.

Es folgt $ 15 der Turm der Winde. Neben dem Turm, d.h.

1 Vielleicht ist auch weiterhin hei der Beschreihung der Reliefs dieser Sachverhalt ausgedrückt gewesen und parte die sono rotti ora zu lesen.

2 Irrtümlich steht C. /■ L. III 552: Anonymus cod Ambr. G 61 inf. Latina sola dat.

3 Das Portal diente damals als Starltthor. Also muss der Verlauf der Mauer anders gewesen sein, als er bei Curtius, Stadtgeschichte Plan 6 eingezeichnet ist, und in derThat lässt sowol die Aufnahme von Strantz (Curtius, Attische Studien I Taf. 2. Sieben Karten Blatt 3) als die von Kaupert (Atlas von Athen, Blatt 3) die Mauer von der Attalos -Stoa auf die Süd -West- Ecke der Hadrian- Stoa laufen.

EIN GRIECHISCHER HEISEBERICHT DES XV. JAHRHUNDERTS 87

nach Westen, sah er noch (g 16. 17) die Ruinen der römi- schen Agora und zwar zunächst '4 Säulen mit schönen und grossen Basen, und von einer Säule zur anderen laufen oben Marmorstücke'. Die noch in einigen Bogen erhaltene Arka- denreihe, deren Fries die Widmung des Gebäudes an Athena und die kaiserliche Familie trägt (Curtius Stadtgeschichte S. 257 und CIA. III b6) kann damit nicht gut gemeint sein, vielmehr bezieht sich die Beschreibung wol auf Reste der östlichen Säulenhalle des römischen Marktplatzes, von der ja noch jetzt einige Säulen mit ihrem Architrav, wenn auch ver- schüttet und überbaut, erhalten sind (vgl. Curtius, Stadtge- schichte S. 956. Elpajcaixa 1890 Taf. I S. 14). Weiter nennt er § 17 an der West-Ecke der römischen Agora einen Triumph- bogen, ziemlich schön, mit vielen griechischen Buchstaben, die er aber nicht alle lesen konnte, d.h. das Thor der Athena Archegetis, von dessen Inschrift, C. 1 A. III 65, er uns die älteste Kunde gibt , da sie zuerst Spon abgeschrieben hat. Neben dem Thore sah er die Öl- Stele des lladrian, C. I. A. III 38, die noch heute an derselben Stelle steht. Weshalb er sie nicht abschrieb, sagt er hier nicht, doch hatte er gehört, es ständen die Gesetze der Athener darauf.

Mit g 18 schliesst die Beschreibung Athens mit der sum- marischen Bemerkung, dass es genug andere Säulen und Steine gäbe innerhalb und ausserhalb der valerianischen Mauer und besonders viele schöne Statuen oder bildliche Darstellungen.

Über den Löwen im Piräus (g 19) vgl. Wachsmuth I S. 747 und Laborde, Athenes II S. 243 f.

Unterhalb der Burg von Korinth sah unser Gewährsmann (g 20) antike Gebäude, gewaltige Mauern aus Quadern und etwa 12-14 Marmorsäulen noch aufrecht stehend, die per squadro standen, d. h. den dorischen Tempel, von dem an- scheinend der Text des Cyriakus, Epigrammata per Illyriam S. xvn nur zehn1 gewaltige Säulen angibt, aber noch Stuart zwölf zeichnete. In der sehr hohen Säule, die wenig entfernt

1 Exlant adhuc inlegrae ex lunonis Corinthiae templp decem immanes cu-

88 E. ZIEBARTH

von den anderen steht, werden wir wo! die einzeln stehende Säule des Opisthodoms erkennen , die auch Stuart erwähnt (vgl. Dörpfeld, Athen. Mitth. 1881 S. 599).

Über die Bruchstücke der Inschriften - Sammlung sei nur soviel gesagt, dass die sonstige Überlieferung der betreffenden Inschriften gut passt zu der hier gegebenen Datirung des Rei- seberichtes. Der Anonymus tritt somit auch in den Kreis der verdienten Männer, die nach der Mitte des fünfzehnten Jahr- hunderts Italien nach Inschriften durchsucht haben. Er war in Sicilien, denn er zuerst sah die Inschrift CLL. X7018 in Catania, ebenso X 6976 in Messina, die nach ihm (oder aus seiner Sammlung?) Jo. ßembus gab, dessen Codex Monacen- sis 1536 geschrieben ist, und die vielleicht aus ihm Oliva nahm, über den zu vgl. CLL. X S.xxxv. III S.273. In Rom schrieb er die Vorderseite der Basis der magistri vicorum ab, C L L. VI 975, wie nach ihm Jucundus und vor ihm Cyriakus u. a. Doch scheint er allein das Lemma: Incolosso Commodi zu haben. Ebenso sah er die gefälschte Inschrift CLL. VT 24. zu der im Cod. Monac. f. 19' des Bembus notirt ist: repertum Romae tempore Pauli, was auf Papst Paul II ( 1464 - 147 ! ) bezogen *, gut zur Zeit des Anonymus passt. Gleichzeitig taucht diese Inschrift dann auf im Codex Redia- nus und bei Jucundus.

Goslar.

ERICH ZIEBARTH.

lumnae . ., doch als Lemma zu der uns nicht erhaltenen Zeichnung lesen wir: COLVMNAE 1MMANES N. XIII [dcesl icon ). Also ist einfacti, wie schon Reisch, Athen. Mitth. 1889 S. 225 andeutet, die Zahl X aus XIII verdorben, und im Cod. Parmensis 1191 f. 37' steht wirklich XIII immanes im Text.

1 Ebenso sieht im Cod. Ainbrus. C. 112 inf., dessen erster Teil (bis f. 83) im Jahre 1503 geschrieben ist, dieselbe Inschrift (f. 93) mit der Bemerkung Romae repertum tempore Pauli Veneti.

LITTERATUR

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Derselbe, Nou.ia;j.aTa 'A^oXXwvtas xrj; ev rio'vTO) xat ttj? vr(aou Ilc-aprjOou.

E*hmepis ApXAiOAoriKH 1899 Heft 1. Athen 1899.

Darin : S. 1. II. KaSSaoia?, 'Erctypacpat hJ 'ErtlSaiipou t/ } «X a;. icp6( tTJV £v Ttl>

icpä XaxpEtav. S. 25. C A. Hiilton, n^Xtva siBüSXia ='; 'Eprrptaj. S. 43. B. AEovapooj, Auxoaoüpa; i}rfy(üp.a. S. 47. Derselbe, Auxosoupaf 3r,'x(.);a.a ypau.u.Evov. S. 51. IL Kaatpic&T7)(, 'Ap/ai'x}] xsfaXJ] i/. Aj/.;.x;. S. 55. P. Hartwig, npoaOfj/ai xat oiopOaiast; ei; to e? 'Epetpfaf £-.vr,tpov.

FUNDE

In Thessalien hat ein Mitglied der brittischen Schule, Herr Eidmonds, den Pilaf-tepe genannten weit sichtbaren Tu- mulus zwischen Velestino und Volo untersucht. In der Mitte des Hügels fand sich in den Felsen eingearbeitet eine viereckige Grube, mit Steinplatten bedeckt, darin auf dem Boden in einer wieder aus Platten zusammengesetzten Steinkiste das Skelett eines Widders. Darunter, also unter dem Boden der ersten Grube, lag das eigentliche Grab mit sorgfältig bearbei- teten Marmorplatten ausgelegt und innen bunt gefärbt. Darin fand sich ein schlankes Silbergetäss, ursprünglich mit zwei Henkeln und einem Ausguss versehen, die aber gewaltsam entfernt waren, um es zur Aschenurne herzurichten. Die eine gebliebene Attache zeigt den Kopf des jugendlichen Herakles. Als Deckel diente ein klobiges Stück Holz, das, wol ebenso wie die Urne, mit goldenen Tänien. einem künstlichen Epheu- kranz und natürlichen Bebenzweigen umhüllt war. Von den Beigaben (schlecht gefirnisste Thonvasen) ist ein Stück besonders hervorzuheben, ein etwa '20cm hoher breiter Topf, dessen Wandung siebartig durchlöchert ist, und auf dessen Boden eine, offenbar brennend mit ins Grab gegebene Thon- lampe stand.

In der Ns'a 'Ecpyiuepi;, Konstantinopel 23 Map-riou 1899, wird die Inschrift einer in Philippopel ( Haus des Gymnasial- professors SiÖTu&xp, am nördlichen Abhang des Sxär -znzi) gefundenen Basis veröffentlicht:

A. ATP. POTOOS POT«J>OT TOI* A. Aüp. 'Poö<po« 'Pou<po.j toO 0PAKAPXOT TON HTOION @pa*iP/ou tov IIÜ(8)iov

TH MHTPOOOAEI xf, piTpoTröXei

ETTTX02 $utuy(ö);.

Aus Üorylaion teilt uns Herr I. Miliopulos Abschriften zweier Steine mit. die dort auf Schar-üjük von Herrn M. Koty.-

FUNDE 91

T^öylou abgeschrieben, wurden, kurz bevor sie von den aus Bulgarien dorthin verpflanzten, die Ruinenstätte planmässig ausplündernden Ansiedlern als Baumaterial vernutzt werden sollten. Dieser bedauerliche Raubbau dauert nun schon seit Jahren (vgl. Athen. Mitth. 1894 S. 302. 1898 S. 161) und hat sicherlich schon viel wissenschaftliches Material unwieder- bringlich vernichtet.

OYTO0ANEINAYTTH CeeiTEITOrEMOIPETTE AUUC6AAAATTPINHN

HCKAIHBHCM6TPONIKEC

W K YTATOC0 AN ATOCTATAN NHPTTACeTTAIAATWAE TTATHPArA0OCZWTI KOC AIAOMNATEKOYCAXIUU ATTO<J)eiMENUUMN HMH N eCTHCAN AlWNIONKeTTArAe- Ou Oxveiv Xu7cy)[pöv] iizü ye Moip' i7re[x]Xu<je, 'AXkx 7rpiv rj[X»ti]ir)5 *ai r$r& [xerpov iicea[9ai]. 'Qkutixtck; öxvaxo; Taxav [ä]vY)p7ra<7£ 7rai<$a, Tw Sk rcaryjp äyaöö<; Zwtixo? [x.]ai Aöava. T6X.oöua [T]iö a7rocpÖi{jt.£vo) {/.vyj[/.yjv eaTYjffav aiamov y.' etc' aya0[<j>].

Besonders der Anfang des zusammengestoppelten Mach- werks ist bekannt (vgl. Athen. Mitth. 1888 S. 77. 1894 S. 528. l.G.Ins. II 467). Die letzten Worte könnte man auch als späteren Zusatz auffassen, durch den das Grabmal auch noch einem 'ErcayaOo; zugeeignet würde.

MAPKIAI

TONT

KA I AO

T P I T AO

EZHCEN ETHir^f

O? FUNDE

Demselben Herrn verdanken wir Abschrift einer Inschrift, die sich in einem türkischen Hause in Kadiköi (Ralchedon) befindet.

.Marmorrelief, 30cinhoch. "23 breit, stehender Mann in Chi- ton, zu beiden Seiten ihm zugewendet je ein Knabe. Darüber:

ZfilAOI(J)IA2IKOYXAIPE

ZonXo; <J>iX[{]txou ^aipe

Aus Tralles erhalten wir durch Herrn M. naxaxtovaxav- tivou Abschriften folgender Inschriften: 1. Auf dem Oberteil einer Basis.

AT A0 Hl T YX H I

TIBKAAYAIANEYTTATOPIAAMANAANAN ATTIKIAAAN Y TT A T I K H N

EmON-N KAITTPOETrON-N

Ayocöyit Tü^vit TiS KXx'j^tav EurcaTopiSa Mavöxvav

£yyövY)v kolI ;:po£yyövY]v.

2. Auf einem 80cm breiten, 33 hohen Stein.

IEMAN0E •:0ANH())OPHIA " E A H M OIKAI

3. Auf der Schmalseite einer Platte

<l)IAfiNA(l)IAaNOI

Derselbe Herr sendet uns aus Alabanda folgende Ab-

schrift.

FUNDE 93

KA-TPO0IMOZ KX. Tp6<pij*o<

ATTQNAEYOAIA 'A-wva Euo&iy

THTAY K Y TAT H rg yXuxuT<*TY]

TYNAIKIEKTctöNE yuvatxi ix tüv e-

AYTHIKA0OI au-rf,; x.a6w?

ENETEIAATO evsTsiXaro

MNIASXAPIN pia? yapiv.

Aus Tire und Umgegend sendet uns Herr E. 'IooSavtSr«;

gende Inschriften :

1 . Abklatsch eines in Tire selbst gefundenen Steines.

TAIOIIIMOYTOY2IMOYON 'ZrCNOMCNOZTnNSYM nnNCTTITTPYTANEnSA

\flNIOYTOYlTPATfiNOI 5 XTTOAAaNlOYKAlYTTCPTftN MOAÜHN I EPCY0NT02 E N A TT O A A ^ N O Z T Of M

Ho^^lOS SlfAO'J TOU 2l[/.0U [öu-

T£?JÜ? Y6v°tU,SV0? T<^V G'JfA- UL6^]7Cü)V Sic! TCp'JTKVSW; 'A-

7TOX]).<i)viou TOO 2TpaT(OV05

5 toö] 'At;oXX(oviou xai urrep tcöv <juu.]{aöX7C(i)v UpeüovTo; iv 'AtcoXIwvo? to- a

Der Mittelstrich von A und E ist vom Steinmetzen öfters ausgelassen. Am Anfang von Z. 7 scheint freier Raum zu sein.

2. Im Dorfe Ivapa^aT nordöstlich von Tire (auf Kieperts Karte fälschlich Kuka genannt). Buchstabenhöhe 2™ Nur nach Abschritt.

Me'NinnOSMHNO-- « P n 2 X A I pi

94 FUNDE

3. Marmor, 60cm lang, 35 hoch, 18 dick, östlich von Tire im Haus des 'ASx^öyXou Oüaeiv im Dorf Kip<ie>7) eingemauert. Nach Abschrift und Abklatsch.

ATPIOIZHKAEIMAKHNftNTOYTTlPA

ANEIONlYNTOlIKYKAfiEKTfiN IIIANTOI KfiMHTOYKATOU AATTANHZAII AIAOYXOYTPO

"OYYMENAIOYKAI

Hechts sind die Zeilen vollständig.

- - Gsoic xlaxpioi; y) KXetfAax.Y)Vüiv TOurcipa (so)

- - to ßa^Javetov auv toi; kükXco ex twv

- - c, 7ravxö; xwjxyjTOo xaxot

- - - Sa7tavY)<j - - [d]atSou^ou Tpo- öillou - - -] tou '1'p.evatoij Kai

4. Marmor, 5ÜCID breit, 20 hoch, gefunden bei dem in der Nähe der Eisenbahnstation T^xräX nördlich von Tire gelege- nen Dorfe noupyä£. Nach Abschrift und Abklatsch.

äENOKAI-CäENO Eevo*)^; Esvo-

KAEOYKAinAOYTAP *Mou *al I7>o<jTxp-

XOYBZfiCIMOY X°'J ß Züxujxou. ZilCIN^ £öfftv.

5. Marmor, 55cm breit, 20 hoch, gefunden bei der Trüm- merstätte "Ayio; 'AöavctTto; gegenüber der Eisenbahnstation T^otTiX. Nur nach Abschrift.

O P o

"Opo[;

lEPfi

Up[ou

APTEMI

'ApTEfJLlfSo?

SITZUNGSPROTOKOLLE

4. Jan. 1899. W. Dörpfeld, Die optischen Verhältnisse im griechischen Theater. A. Wilhelm, Urkunde des korinthi- schen Bundes der Hellenen. K. Mylonas, Über die Herkunft des Typus der archaischen Frauenfiguren von der Akropolis.

18. Jan. 1899. W. Dörpfeld, Das Grab Ramses IV und die ägyptische Elle. H. von Prott, Inschriften von Priene.

1. Febr. 1899. W. Dörpfeld berichtet über die Ausgrabun- gen am Westabhang der Akropolis. P. Wolters, Heroenkult beim Kuppelgrab in Menidi. P.Kavvadias, Über das griechi- sche Stadion.

15. Febr. 1899. E. Ziller legt die Ergänzung des Ost- giebels des Parthenon von Schwerzek vor. A. Wilhelm, Ein simonideiscb.es Epigramm. W. Dörpfeld, Die Pyramiden.

1. März 1899. H. von Prott, 'Iepö; vöi/o? der Eleusinien. I. Svoronos, Die Musenreliefs aus Mantineia.

15. März 1899. W. Dörpfeld berichtet über die Fortfüh- rung der Ausgrabungen westlich von der Akropolis. G. Sotiriadis, Die Stadtmauern von Theben. W. Dörpfeld, Das Megaron der homerischen Paläste.

Im Anschlüsse an das kürzlich erschienene Buch eines amerikanischen Architekten [The Humeric Palace von Norman Morrison Isham ) besprichl W. Dörpfeld den homerischen Palast und besonders die Frage seiner archi- tektonischen Ileconstiuction. Das Buch enthält ein in Vogelperspekth - - zcichnetes, lehrreiches Bild des Palastes von Tiryns, dessen eine Hälft.' als Grundriss und dessen andere mit aufrecht stehenden Säulen und Wänden wiedergegeben ist. Dieses Bild wurde vom Vortragenden mit anderen ver- öffentlichten Heconstructionen desselben Palastes verglichen.

In der von dem englischen Architekten Middleton entworfenen Ergän- zung {Journal of Hellenic studies VII S. 162) sind die Säulen, Parastaden und auch der Giebel kaum richtig. Die Reconstructionen der äusseren und inneren Ansicht des Megaron von Heber und Bühlmann (Abhandlungen der bayerischen Akadcmieder Wissenschaften 1896) machen einen b< - Eindruck, dürften aber darin nicht richtig sein, dass der bekannte Kyanos- fries nicht als unterer Sockel der Innenwand, sondern als Fries über den Säulen an der Aussenseile verwendet wird. Unter den Reconstructionen ?on Cbipiez und Perrot {Histoire de l'art VI S. t 8',' und Tal. 11 j scheint dem Vortragenden die einfachere der Wahrheit am nächsten zu kommen.

9t) ERNENNUNGEN

Nach Besprechung der Form clor Säulen und des Gebälkes sowie der übri- gen Kunstformen des mykenischen Baustiles wurde die Frage nach der Ge- stalt des Daches eingehender erörtert und dem horizontalen Erddache der Vorzug gegeben. Wenn das Megaron ein Satteldach mit Giebeln gehabt hat, wie /. B. Reber und Bühlmann annehmen, so kann nach Ansicht des Vortragenden nur ein steiles Dach in Betracht kommen. Für ein wenig geneigtes Dach, wie es der spätere griechische Tempel hatte, sind .mite Ziegel aus Thon oder Marmor erforderlich, die aber sicher in der myke- nischen Zeit noch unbekannt waren.

Dir Herstellung des Ziegeldaches mit geiinger Neigung und die Anlage der beiden dreieckigen Giebelfelder, wie sie der griechische Tempel auf- weist, waren eine Erfindung der Korinther. Das Megaron von Tiryns hatte jedenfalls ein horizontales Brddach und noch keinen Giebel.

29 März. 1899. A. Philadelpheus, Pan in der antiken Kunst. Ü. Rüben söhn, Ausgrabungen in Paros. P. Wol- ters, Antike Siegel.

ERNENNUNGEN

Es sind ernannt worden zu Ehrenmitgliedern des Instituts

c

S. Kgl. Floheit Prinz Rupprecht von Bayern und S. Hoheit Prinz Friedrich Karl von Hessen , zu ordentlichen Mit- gliedern die Herren J. Böhlau in Kassel, F. Cumont in Gent, Pater Ehrle in Rom. R. Heberdey in Smyrna, E. Ka- iinka in Konstantinopel, \V. Reichet in Athen, G. Weber in Smyrna, Th Wiegand in Konstantinopel, Mons. Wilpert in Rom. zu correspondirenden Mitgliedern die Herren II. Bulle in München. P. Gaudin in Smyrna, B. Renne in Metz. R. Kuruniotis in Athen, C. Masnor in Breslau, A. Philadelpheus in Athen, A. Philippson in Bonn, H. von Prott in Athen, A. Riegl in Wien. II. Schrader in Berlin, I). Stau ropul los in Mykonos, C. Wichmann in Metz.

Geschlossen 27. Juni 1899,

Wir sind beauftragt, folgende Zeitschriftenserien zu ver- kaufen (Lieferung nur direkt):

'EwiapU <xp/.aioXoYixr;, Periode I (,1837-1860) und II ( 1862-1874).

Gut erhaltenes und vollständiges Exemplar M. 360.

Dasselbe, Periode III (1883-1898) fast ungebraucht (Laden- preis M. 320.—) 225.—

'AÖ/fvatov, 10 Bände (1872-1880). Vollständige Reihe .... 60.—

Dasselbe, gebunden (Bd I- II zusammen) 70.—

<J>iXiartop, 4 Bände (1861-1863) 16.—

'AÖ^va, 10 Bände (1889-1898) 90.—

Athen, Universitätsstrasse 53.

Barth cV von Hirst

Wissenschaft liches A n t iquariai

MITTHEILUNGEN des Kaiserlich Deutseben archäologischen Instituts, Athenische Abtheilung. XXIV, lieft I. (Jan.- März 1899).

INHALT

Belli

A. KoEBTE, Kleinasiatische Studien. IV. Ein altphrygischer Tumulus

bei Bos-bjük (Lamunia) (Taf. I-IV) 1

O. Ruhensohn, Elensinische Beiträge (Tafel VII. VIII) .... 16 E. Zikhakth, Ein griechischer Reisehericht des fünfzehnten Jahr- hunderts 72

Litte rat ur 89

Funde 90

Siizungsprotokolle 95

Ernennungen 96

»~OXr*7*< =>•••-

Die Mittheilungen des Kaiserlich Deutschen arch. Instituts, Athenische Abtbeilung (Verlag von Barth & von HlRST, Athen, Universitäts-Strasse 53) erscheinen in vierteljährlichen Heften. Preis des Jahrgangs 12 Mark ( 15 Francs).

AI n «ii Druck ton M.llill I.IIKH PERMS. L'uiTcMiltcti-Stnue, 51.

*, 1899, XXIV, 2.

MITTHEILUNGEN

DES KAISERLICH DEUTSCHEN

IHGBABOLÜfilSüHEN INSTITUTS

ATHENISCHE ABTHEILUNG

BAND XXIV

Zweites Heft

MIT TAFEL IX.

LIBRARY

SEP 09 1381

j. PAUL GETTY MUSEUM

ATHEN

BARTH & VON HIRST

1899

Bei BARTH & von HIRST in Athen

ERSCHEINT

AIE9MÜ wmm mnmumn apxaioaofia!

JOURNAL INTERNATIONAL

D'ARCHEOLOGIE NÜM1SMATIQÜE

HERAU8QEQEBEN VON

J. N. SVORONOS

Direktor des Münzkabineis in Athen

Jährlich 4 Hefte in mit mindestens 20 Druckbogen und 20 phototypi- schen Tafeln, anderen Beilagen u. s. w.

Der I. Band ist erschienen, vom II. das 2. Heft.

Die Zeitschrift kostet jährlich fr, 20.— oder M. 16.— Bestellungen wolle man an die Verlagshandlung oder irgend eine andere Buchhandlung richten.

Athen, Universitätsstrasse 53.

Barth & von Hirst

DAS GRIECHISCHE THEATER

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE

DES DIONYSOS - THEATERS IN ATHEN

UND ANDERER GRIECHISCHER THEATER

VON

WILHELM DÖRPFELD

UND

EMIL REISCII

MIT XII TAFELN UND 99 ABBILDUNGEN IM TEXT

Preis 16 Mark.

DIE ARBEITEN ZL' PERGAMON 1886-1898 i Hinzu Tafel IX i

Die Ausgrabungen in Pergamon waren im Jahre 1878 von der Verwaltung der Königlichen Museen zu Berlin bekannt- lich zu allernächst unternommen, um weitere Teile der gros- sen Gigantomachie zu gewinnen . deren erste Bruchstücke Karl llumann den Museen geschenkt hatte, hatten damit aber sofort auf eine Untersuchung und Wiederherstellung des gros- sen Altars, dem diese Keliefs angehörten, sich richten müssen und führten im Verfolge dahin, die ganze Stadt der Könige und ihre Erweiterung in römischer Zeit als Untersuchungsobjekt ins Auge zu fassen. Indem man sich von den Fundstücken weiter und weiter leiten Hess, trat nächst dem Altare das Hei- ligtum der Stadtgötlin Athena mit der Bibliothek, traten der Stadtmarkt mit dem vermutlichen Dionysostempel, das Thea- ter mit seiner Terrasse und deren Tempel. das Anfangs fälsch- lich für das Augusteum gehaltene Traianeum und der Kö- nigspalast mit andern benachbarten Bauten ans Licht, und es wurde so der jedenfalls glänzendste Teil der Königsstadt aul der Höhe des Berges im Zusammenhange gründlich freigelegt. Leider wurde auch bereits der weiter abwärts gelegene Bau (\f* Gymnasions tcöv vs'cov in Angriff genommen, ohne dass die Aufdeckung liier hätte vollendet werden können. Dabei wurde bald die Gesamtgestalt der Stadt namentlich in der \\ eise zum Gegenstande unausgesetzten Studiums, dass Richard Bohn die Befestigungsringe in ihren Besten verfolgte und auch den römischen Bauten ausserhalb dieser Hinge seine Aufmerk- samkeit schenkte. So wurde ein von den früheren Vorstellun- gen sehr wesentlich abweichendes Bild der Gesamtstadt und ihrer allmäligen Entwicklung in seinen Hauptzügen gewonnen, wie es seitdem zu verschiedenen Malen lilterarisch ausgeführt ist. am einfachsten indem kleinen, zu Ende der Ausgrahuu-

ATHEN. MITTHEILUNGEN XXIV. ~*

98 A. CONZG UND C. SCHÜCHHARDT

gen 1886 entworfenen, von der Generalverwaltuno; der König- lichen Museen herausgegebenen 'Führer durch die Ruinen von Pergamon. Berlin 1887. Zweite Auflage, Berlin 1899'.

Alter auch auf die umliegende Landschaft fiel manches Licht, indem die Königliche Akademie der Wissenschaften zu Berlin unterstützend eingriff. Herr von Diest lieferte eine Karlen- skizze des Kaikosthaies und angrenzender Gebiete1 , welche Herr Schuchhardt archäologisch ergänzte. Einzelne Nachbar- städte. Atarneus2. Perperene3 und Aigai 4, auch das alte Teu- thrania5, wurden untersucht und aufgenommen. Ferner wur- den die Wasserleitungen der Stadt verfolgt, namentlich die Druckwasserleitung aus der Königszeit , die ansehnlichste derartige Anlage, die wir aus dem Altertume kennen, durch Herrn Friedrich Gräber nachgewiesen6 und die Wasserzu- leitung bis in das Madaras -Gebirge von Herrn Schuchhardt aufgespürt7.

Hin gewaltiges Material an Aufnahmen und Originalresten von Architektur, Skulptur und Inschriften war gewonnen. Man fand es vor der Hand für geraten, erst einmal die Ver- arbeitung den Funden einigermassen nachkommen zu lassen, die Herausgabe der 'Altertümer von Pergamon' zu fördern, deren zuerst ausgegebener zweiter Band bereits während der Dauer der Ausgrabungen erschienen war8. Drei vorläufige Berichte, welche im Jahrbuche der K. preussischen Kunst-

1 Herausgegeben in Petermanns Mitteilungen, Ergänzungshefl 94. Gotha 1889, Blatt I. Mit Text: die pergamenische Laudscbaft 8. 1 -36.

a Lolling in Athen. Mitth. des Inst. IV, 1879, S. I-IÜ.

3 Botin und Fabricius in Athen. Mitth. des Lnst. XI, 1886, S. I- 14.

* Altertümer von Aegae, unter Mitwirkung von Carl Schuchhardt her- ausgegeben \"n Richard Bolin. 2. Ergänzungsheft des Jahrbuchs des Insti- tuts. Berlin 1889.

s Conze und Senz in Athen. Mitth. des lnst. XII, 1887, S. 149-160 mit Taf. IV. Y.

c Abhandlungen der K. preussischen Akademie der Wissenschaften vom Jahr 1887. Berlin 1888.

7 Ebenda.

8 Das Heiligtum der \thena Polias Nikephoros von Richard Bohn. Mit einem Beitrage ron Hans Droysen, Berlin 1885,

DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1886-1898 99

Sammlungen 1 erschienen , gaben inzwischen summarische Nachrichten von dem, was erreicht war. Gross wie die Ergeb- nisse waren und augenfällig wie sie gewisse Hauptzüge des alten Stadtbildes wieder hervortreten Messen, legten sie für weitere Kreise, deren Neubegierde hinreichende Nahrung ge- funden halte, die Täuschung nahe, als sei eine in Angriff ge- nommene Aufgabe wirklich gelöst. Aber schon das Vorwort des letzten vorläufigen Berichts hatte am Schlüsse der Hoff- nung Ausdruck gegeben, dass mit dem Gethanen nicht ein für alle Male das Rnde der Untersuchung von Pergamon als er- reicht gelten möchte. Die Meinung war nur gewesen, dass die Untersuchung sich zunächst einmal in die Studirstube zu- rückzuziehen habe. So geschah es.

Während bei stark erweckter Teilnahme auch von andern Seiten des In -und Auslandes den pergamenischen Funden fortgesetzte Untersuchung und Beurteilung, Besprechung. Dar- stellung und sonstige Verwertung zu Teil wurde, nahm in der Werkstatt der lv. Museen unter den Händen der Herren Fre- res und Possenti die Zusammensetzung namentlich der Gigan- tomachie- Reliefs ihren Fortgang, der Herrn Puchsteins zwei Abhandlungen die Krone aufsetzten2. Der zweiten Reliefreihe des /\ltarbaus, dem sogenannten Telephosfriese, widmete Herr Robert eine erste eingehende Behandlung3. Ein Fortsehnt der Untersuchung durch Aufklärung eines wichtigen Einzelpunktes ist soeben gelungen in der Abhandlung von Hans Schrader über die Opferstätte des pergamenischen Altars4. An Publikationen erschienen von Seiten der Nächstbeteiligten aussei' dem bereits genannten vier weitere Bände oder Halbbände der 'Altertümer

' l, 1880. II. 1882. III, 1888.

- Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften zu Berlin !svs 3 1231 ff. 1889 8. 323-ff. Darauf fussend die von der Generalverwallung der K. Museen herausgegebene Beschreibung dei Skulpturen ausPergamon. I Qigantomachie. Berlin 1895.

:1 Jahrbuch des Instituts II, 1887, S. 244ff. 111 18 ET. *T ff.

* Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1899 S. GM IV.

100 A. CONZE UND C. SCHUCHHAHDT

von Pergamon': 1890 und 1895 zwei Halbbände, VIII, 1 und 2,

das ganze gewonnene inschriftliche Material umfassend, bear- beitet unter Mitwirkung von Ernst Fabricius und Carl Schuch- hardt von Max Pranke], auch noch im Jahre 1895 der Halb- band V, 2, das Traianeum von Hermann Stiller, mit einem Beitrage von Otto Raschdorff, und 1890 Band IV, die Thea- terterrasse von Richard Bohn.

Inzwischen ist auch Hand angelegt worden, um Band I zu Stande zu bringen, welcher die Geschichte der Untersuchung, die historische Topographie von Pergamon mit Einzelaus- führungen über Befestigungen der Stadt, üher ihre Wasser- leitung und Anderes bringen soll. Menschliches bedenkend sagte man sich, dass dieser Band noch vollendet werden müsse, so lange die verschiedenen Mitarbeiter im Leben vereinigt blieben, aber schon am 12. April 1896 schied Karl Humann aus unserer Mitte. Ihm ist am 19. August 1898 Richard Bohn gefolgt und mit ihm eine Fülle von Einzelkenntniss der per- gamenischen Bauwerke in das Grab gegangen. Um so ein- dringlicher ergeht die Mahnung an die Überlebenden, nicht nur die Herausgabe der 'Altertümer', für die nun schon An- dere an die Stelle zuerst Berufener eintreten müssen, nach Kräften zu fördern , sondern auch einzutreten für das , was eine allgemeine wissenschaftliche Forderung ist, die Durch- fuhrung der Gesamtuntersuchung der Königsstadt der Attali- den, die nicht nur zur Bereicherung der Museen in Angriff genommen sein soll, um so weniger, als die Museen sich jetzt andern weitaussehenden Unternehmungen zugewandt haben. Sie haben Pergamon darüber nicht vergessen. Neben der Für- sorge für die Herausgabe der 'Altertümer von Pergamon' ist ihnen namentlich eine andauernde Pfl ich ter II u n <• zu danken. Sie haben im Einvernehmen mit der Generalverwaltung des Kaiserlich oltomanischen Museums in Konstanlinopel die Be- wachung und Bewahrung der Ruinenstätle auf dem Stadt- berge von Pergamon durch zuverlässige, unter Aufsicht ein- sichtiger Ortseinwohner gestellte türkische Wächter auf sich genommen. Die Ergebnisse einer Ausgrabung sollen nicht

DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1886-1898 101

nur litterarisch der Wissenschaft überliefert werden; reichlich ebenso wichtig ist es die ausgegrabenen Denkmäler selbst, so weit sie in ihren Resten am Platze bleiben müssen, zu erhalten, sie zu schützen vor der überall lauernden Zerstörungslust. Am nötigsten ist dieser Schulz bekanntlich da, wo wie in Perga- mon eine heutige, noch dazu in kräftigem Wachsen begriffene Ansiedlung jeden Augenblick die Hand nach den zu erneu- tem Gebrauche bequem hergerichteten antiken Steinen auszu- strecken bereit ist, und das tägliche Kommen und Gehen von Einheimischen und Reisenden die alten Reste mutwilligen Angriffen preisgiebt.

Wenn wir also liier im Anschlüsse an den letzten der drei genannten 'vorläufigen Berichte' abermals berichten wollen über das, was neben der litterarischen Arbeit seit dem Dezem- ber 1886 für die Weiterführung der Untersuchung von Per- gamon geschehen ist, so haben wir dieses Verdienst der ver- einigten Museumsverwaltungen in Berlin und Konstantinopel obenan zu stellen, dass sie die auch litterarisch noch länest nicht erschöpften Überreste an Ort und Stelle für die An- schauung und Forschung uns erhalten haben und weiter er- halten wollen. Dazu hat die ottomanische Regierung ganz kürzlich noch besonders beigetragen, indem sie auf Vorschlag Sr. Excellenz Hamdy-Bey 's einen Epistalen der Altertümer in Pergamon in der Person des Dimitrios Tscholakidis ernannt hat.

Was an dem so bewahrten Platze seit 1887 zur weiteren Erforschung geschehen ist, wurde zunächst zur Vervollstän- digung dessen unternommen , was für den , wie erwähnt, zu den Arbeitsaufgaben gehörenden Band 1 der 'Altertümer von Pergamon' zur Verwendung kommen sollte. Dahin ge- hörte eine Fortführung der Erkundung der pergamon isrhen Landschaft, des Kaikosthaies und der ihm nächst zugehörigen Strecken. Hierfür trat im Vereine mit der General\erwaltung der Museen die Königliche Akademie der Wissenschaften ein. indem beide Herrn Schuchhardt in den Stand setzten, seine im Zusammenhange mit der kartographischen Thätigkeit des Herrn

102 \- CONZE UND C. SCHUCHHARDT

von Diest begonnenen archäologischen Beobachtungen noch einmal wieder aufzunehmen und dabei auch kartographische Lücken auszufüllen zu suchen. Er bereiste zu dem Ende die

Landschaft in den Monaten Juli, August und September 1887. Ein vorläufiger Bericht über diese Bereisung ist in den Sit- zungsberichten der Königlichen Akademie der Wissenschaften 1887 S. 1207-1214 gedruckt. Von dem Inhalte sei hier nur herausgehoben, dass der Kara-Dagh, das alte Aiga-Gebirge zwischen Dikeli- Atarneus und Tschandarli - Pitane, mit dem Stadtplatze von Kane beiAdsclianö und einem ganzen Systeme von befestigten Wachtposten genauer als bisher untersucht wurde, dann lagerähnliche Befestigungen auf der Wasser- scheide nördlich von Kiresen bekannt wurden, und dass es Herrn Schuchhardt gelang, eine schon früher von uns vergeb- lich gesuchte Tempelruine, Mamurt- Kalessi, im Gündag auf- zufinden, welche er für den bei Strabo XIII, 2, 6 erwähnten Tempel der Göttermutter zu halten geneigt ist, worüber erst Ausgrabung einmal Sicherheit bringen kann. Auf den Beo- bachtungen dieser selben Reise beruht ferner der Aufsatz Schuchhardts über makedonische Kolonien zwischen Hermos und Kaikos in diesen Mittheilungen XIII, 1888. S. 1 ff.

Hier mag auch ein zufällig gemachter Fund seine Erwähnung finden. Zu Anfang des Jahres 1889 kam im Ketiosthale. nahe der Südseite des Weges, auf einem Privatgrundstücke eine Grabstätte mit einem Sarkophag zum Vorschein, der einen reichen Inhalt von Schmuckbeigaben barg. Leider war sach- kundige Beobachtung nicht gleich zur Stelle, erst nachträglich traf Herr Baitadschi vom Museum in Konstantinopel ein und nahm die noch zu rettenden Fundstücke für dieses Museum in Besitz, vervollständigte auch die Ausgrabung. Berichte darüber brachten diese Mittheilungen XIII, 1888, S. 442 IL und XIV, 1889, S. 126 ff. Ein zweiter Sarkophag (Mittheilungen XIV, 1889 S. 131) wurde auch noch nachträglich ausgegraben. Die beiden Sarkophage stehen jetzt, der eine auf dem At- basar, der andere im Hofe der griechischen Knabenschule in Pergamon .

DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1886-1898 103

Der Inhalt des zuerst gefundenen Sarkophages ist, soweit möglich war, nach Konstantinopel ins Museum gebracht wor- den; die Schmucksachen und verwandten Gegenstände sind in Joubins kurzem Katalog Bronzes et bijoux verzeichnet1.

In Hand 1 der 'Altertümer' sind auch die Wasserleitungen von Pergamon zu behandeln, für deren Kenntniss Herr Frie- drich Gräber während seines sechswöchentlichen Aufenthalts in Pergamon im Jahre 1886 den festen Grund ge'egt hat. Er hat damals einen Überblick über das ganze System dieser Leitungen gewonnen und die merkwürdigste derselben, die aus der Königszeit stammende Druckwasserleitung zur Hochburg, entdeckt und nach Verlauf und Konstruktion verfolgt und auf- geklärt ; aber erschöpfen liess sich das grosse Thema in der kurzen Herrn Gräber andern Verpflichtungen gegenüber ver- gönnten Zeit nicht. Namentlich blieb für Eines weitere Prü- fung deshalb zu allernächst ganz besonders wünschenswert, weil es sich als eine Frage mit dem Hauptgegenstande der Untersuchung Gräbers berührte. Es hatten sich auf der Strecke, auf welcher die Druckwasserleitung der Königszeit den rö- mischen Aquädukten entlang läuft, zahlreiche aus Steinqua- dern hergestellte Wasserleitungsrohre gefunden . die Herr Gräber nur mit jenen römischen Leitungen, wie es teilweise allerdings unzweifelhaft richtig war, in Verbindung gebracht hatte. Damit erschien aber die Frage nach der ursprünglichen Verwendung aller dieser Steinrohre nicht erledigt zu sein. Es war daher hocherwünscht, dass im Jahre 1888 einer der frü- heren pergamenischen Hauptmitarbeiter, Herr Ernst Fabri- cius als Begleiter Heinrich Kieperts auf einer Heise im west-

1 Joubin hat die vorliegenden Fundberichte nicht benutzt, die IdentiG- cirung isi deshalb ohne eigene Nachprüfung nicht immer mit Sicherheil möglich, (loch scheinen Folgende Nummern seines Verzeichnisses dem Funde zu entstammen ( die eingeklammerten Ziffern beziehen sich auf den /weiten Fundbericht): Nr. 121 (5). 130(3. k\. 131. lii (2). 161 (7). 172 |6). 178 B 17!) (12). 188 (19). 189 (20). 190-195. 236 (14). 250 lii. 261 . J-266.

267 (21). 268. 269. 270 (32). 271. 272. 273 (15). 277 (13). 277^(44). J78 (16). 279 (17). 280.

1 04 A. CONZE UND C. SCHUCHHARDT

liehen Kleinasien wieder nach Pergamon geführt wurde und sich dem Studium der bezeichneten Frage und überhaupt der von .Norden her auf Pergamon zu lührenden Wasserleitungen an Ort und Stelleaufs Neue widmen konnte. Dem verdanken wir sehr genau aufgenommene Zeichnungen der in Frage stehenden Werkstücke sowie Ausgrabung und Aufnahme von bisher nicht beachteten Fundamentresten der römischen Aquä- dukte. Wenn erstere zusammen mit einer Nachprüfung der Reste der Druck Wasserleitung so viel aufs Neue feststellten, dass die Steinrohre mit dieser Leitung der Königszeit Nichts zu thun hatten, so führten die anderen Aufnahmen über das von Herrn Gräber Beobachtete hinaus zu der Annahme, dass der römische Aquädukt -Bau ursprünglich mehrgeschossig crewesen sei. Was Herr Fabricius der Art in fruchtbarer Aus-

o

nutzung eines nur mehrtägigen Aufenthalts in Pergamon ge- wonnen hat, ist der gleich anfänglichen Absicht gemäss zur Verwendung in Band I der 'Altertümer' in Verwahrung ge- nommen, hat aber in der Zwischenzeit bei noch zwei Mal wie- derholter Nachuntersuchung der pergamenischen Wasserlei- tungen sich bereits nützlich erwiesen.

Die erste dieser Nachuntersuchungen fand im Herbste 1896 Statt.

Es waren zehn Jahre seit dem Schlüsse der Ausgrabungen verflossen. Es erschien unerlässlich, dass die Verfasser. denen die Hauptabschnitte in dem jetzt ernstlich zu fördernden ersten Bande der 'Altertümer' zufallen sollten, ihre Anschauungen an Ort und Stelle auffrischten und vieles Einzelne nachzu- prüfen Gelegenheit fänden. Zu dem Ende durfte ich mich mit Richard Bohn im September und den folgenden Monaten noch ein Mal in Pergamon niederlassen. Karl Humanns Beteiligung hatte kurz zuvor der Tod ein Ziel gesetzt. Wir ahnten nicht, wie wichtig es werden sollte, dass Bohn noch ein Mal seine früheren Beobachtungen vor den Ruinen ergänzen konnte. Da wir ihn auch so bald verlieren sollten, hat er nun doch die beiden, von ihm zu liefernden Hauptplanblätter für Band I noch mit Kenntniss bis ins Kleinste fertig zeichnen

DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1886-1898

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könnenden ganzen Stadtberg und die Hochstadt, und hat fer- ner seinen 'Mauerstudien ' einen gewissen Ahschluss geben können. Von mir selbst aber darf ich sagen, dass die Monate in Pergamon mich besser, als ohne das der Fall gewesen wäre, in den Stand gesetzt haben für Humann und nun auch leider für Bohn bei der Herausgabe des Bandes hoffentlich noch ein- zutreten.

Ein weiterer Nutzen erwuchs aber durch unsere Reise, in- dem sie die Gelegenheit zur Fortführung der Untersuchung der Wasserleitungen bot. Durch Studien über die Geschichte seiner Technik war der Ingenieur der heutigen berliner Was- serleitungen, Herr Carl Giebeler, auch auf eine Beschäftigung

Zuleitung

Wasserkammer der Druckleitung

mit den einschlagenden pergamenischen Entdeckungen geführt worden, deren mannigfach verbleibende Lücken der Kennt- niss ihn zu Fragen veranlassten, für die wir übereinkamen

106

A. CONZE UND C. SCHUCHHAKDT

am liebsten seine persönliche Lösung herbeiführen zu wollen. Seine Bereitwilligkeit begegnete sich mit der Unterstützung, welche dieser Wunsch bei der Königlichen Akademie der Wis- senschaften, welche ja auch Herrn Gräber ausgesandt hatte, und bei technischen Vereinen, welche der Sache ihr Interesse schenkten, fand. HerrGiebeler nahm also an unserer Heise Teil. Für ihn musste es sich an erster Stelle darum handeln, das bisherige llauptergebniss der Wasserleitungs-Untersuchungen zu vervollständigen, die Druckleitung weiter bis zu ihrem

WESTSEITE- Wasserkainmer der Druckleitung.

DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1886-1898 107

Ausgangspunkte am Gebirge nordwärts zu verfolgen. Gräber hatte bereits in seinem Berichte in den Abhandlungen der ber- liner Akademie 1887 S. '27 gesagt: 'Es wäre ja nicht un- möglich, dass an der Stelle wo die eigentliche Hochdrucklei- tung beginnt, also an einer Stelle am Hagios-Georgios- Berge ca. "20-30ra höher als die Burgspitze, sich bei weiteren Nach- forschungen eine Bassin -Anlage fände, deren bauliche Aus- fuhrung einen bestimmten Schluss auf die Entstehungszeit erlaubte'. Das ist eingetroffen. Es glückte unter Giebelers sachkundiger Beteiligung binnen weniger Tage den Ausgangs- punkt der Druckleitung in einer Wasserkammer am Abhänge des Hagios-Georgios-Gebirges zu finden, 30 Meter höher ge- legen als der höchste Punkt des pergamenischen Stadtberges. Bei ihrer unverhofft guten Erhaltung bot die Kammer in der technischen Behandlung ihrer Steinplatten, wie Gräber gehofft hatte, Rennzeichen, nach welchen man die Anlage dieser Lei- tung mit erhöhter Zuversicht der Königszeit zuzuschreiben berechtigt ist. In Erwartung einer Herausgabe seiner Auf- nahmen durch Herrn Giebeler teilen wir hier einstweilen den Plan und drei Durchschnitte der Wasserkammer von R. Bohn mit. Auch das wurde ferner festgestellt, dass die Thonrohrzu- leitung des Wassers für die Kammer westlich um den Berg hergeführt war.

Pergamon ist und bleibt sicherlich ein ergiebiger Fundort für Kunstwerke auch ersten Ranges der hellenistischen Zeit, da hier als in ihrer Hauptstadt die Herrscher, welche zu den kunstliebendsten ihrer Zeit ijehörten und reichliche Mittel besassen und aufwandten, um beste Kräfte zu beschäftigen und beste Werke zu erwerben . eine Fülle von Schöpfungen der Architektur und bildenden Kunst zusammenbrachten. Diese Fülle hat durch die jahrhundertelangen Zerstörungen wol nur zu stark geschmälert, aber nicht vernichtet werden können und, weit entfernt, dass ihre Kenntniss in den Jahren unserer Ausgrabungen und sonstigen Umschau erschöpft wäre, kom- men Reste von ihr Jahr aus Jahr ein gelegentlich weiter zum Vorschein und wollen nur davor bewahrt sein, zu Gunsten

108 A. CONZE UND C. SCHUCHHARDT

minderwertiger Tagesbedürfnisse der heutigen Bewohner des Platzes dann erst recht dcv Vernichtung zu verfallen. Dieser Art war das Relief einer Tänzerin, welches bei unserer An- wesenheit im Jahre 1896 in einem späten Flickmauerwerke am Westrande des Stadtberges sichtbar wurde Wir haben es dem Kaiserlich ottomanischen Museum in Konstantinopel über- weisen dürfen und es in den Antiken Denkmälern des Insti- tuts II Taf. 35 herausgegeben. Dabei zeigte sich auch, wie immer weitere Funde weitere Aufklärung über frühere Er- werbungen unserer Museen bringen können, indem das neu- gef'undene Relief ein anderes längst hier in den Museen be- findliches erst als aus Pergamon stammend, und noch ein drittes, bei unseren Ausgrabungen dort gefundenes als zu demselben Denkmale gehörig, erwies und so ein ganz neues Werk, an- scheinend eine grosse Bundbasis, an das Licht treten Hess.

Bei den bisherigen Arbeiten und namentlich auch bei den Untersuchungen der Wasserleitungen, bei welchen es auf ge- naue Höhenmasse des Geländes e;anz besonders ankommt, hatte sich die Überzeugung gebildet, dass eine kartographische Aufnahme der Stadt Pergamon und ihrer nächst zugehörigen Umgebung ebenso nötig, wie noch nicht in der erforderlichen Genauigkeit hergestellt war. Wir sind so glücklich gewesen, eine solche Aufnahme zu Stande kommen zu sehen, indem die Königlich preussische Akademie der Wissenschaften die Mittel bewilligte und Seine Excellenz, der Chef des grossen Generalstabs, Graf Schlieffen, einen Offizier in der Person des Herrn Oberleutnants jetzt Hauptmanns Beriet zur Ausführung der Arbeit zur Verfügung stellte, dem von Seiner Majestät der Urlaub dazu allergnädigst bewilligt wurde. Dankbar ist auch des sachkundigen Bates zu gedenken, den uns der um Karto- graphie der klassischen Länder so vielfach verdiente, nun uns auch entrissene Herr Kaupert bei den Überlegungen über das Unternehmen gewährte. Nachdem die Genehmigung der Kai- serlich ottomanischen Regierung erteill war. begab ich mich mit Herrn Beriet nach Pergamon, wo wir am I. August 1898 eintrafen. Für die notwendigen Vorkehrungen dort hatten der

DIE ARBEITEN ZU PERGAMON 1886-1898 109

Direktor an den Königlichen Museen, Herr Dr. Wiegand,und unser pergamenischer Freund, Herr Dimitrios Tscholakidis, vorgesorgt, so dass die Arbeit ohne Weiteres heginnen konnte. Bei den Vorüberlegungen noch in Berl in war ich zuerst in einem Schwanken über die zu wählende Art des Verfahrens bei der Aufnahme gewesen, ob die sogenannte Tachymetrie oder die Arbeit mit dem Messtische vorzuziehen sein würde Sobald das Werk im Gange war, schwand jeder Zweifel daran, dass wir recht sjethan hatten, den Messtisch, so wie ihn eben Herr Beriet zu handhaben wusste. für die im vorliegenden Falle zu lösende Aufsähe zu wählen. Es wurde bei der Auf- nähme nach gleichen Grundsätzen verfahren, wie sie für die Herstellung der Messtischblätter der K. preussischen Landes- aufnahme gültig sind.

Die Karte umfasst nahezu 5/4 geographische Quadratmeilen, mit der Stadt Pergamon in Mitten ; nördlich begreift sie den Ilagios-Georgios-Berg.von dem die Druckwasserleitung her- kommt, ein, südlich reicht sie bis über den Kaikoslluss und umfasst im Osten den Hagios-llias-Berg, im Westen die den Stadtberg überragenden Vorhöhen des Geikli-Dagh. Ausge- führt ist sie im Masstabe 1 : 25000. Zuerst mit Bleistift ge- zeichnet ist sie jetzt noch mit der Feder auszuführen und wird dann im ersten Bande der 'Altertümer von Pergamon' und ausserdem einzeln erscheinen. An Ort und Stelle wurde der letzte Strich an ihr am 15. Dezember 1898 gemacht, also in vier und einem halben Monate das Ganze vollendet, bei gros - ser Gunst der Witterung, aber bei allen Schwierigkeiten, welche der Mangel an genügenden Voraufnahmen mit sich brachte, so weil es sich um die Geländeformen handelte und um Alles ausserhalb der von Humann und Bohn, unter .Mitwirkung früher auch von August Senz, Hermann Stiller, Otto Hasch- dorff, vollendet ausgeführten Aufnahmen dev antiken und heutigen Architektur, des Siadtberges und der modernen Un- terstadt. Diese Aufnahmen hat Herr Beriet in sein Karte Dach Prüfung einfach übernehmen können, den Plan der modernen Stadt nur ergänzend für die seil Humanna Aufnahme neu ent-

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standenen Teile. Zur ersten Orientirung auf dem ganzen Ter- rain wurde n ich t versäumt den betreffenden Teil der Karten- skizze der pergamenischen Landschaft, die wir Herrn von Diest verdanken, zu benutzen. Mit bester Hülfleistung stand Herrn Beriet sein für solchen Dienst bereits eingeübter frühe- rer Bursche, Otto Friedrich, zur Verfügung; die einheimischen Leute, welche ausserdem nach Bedarf herbeigezogen wurden, hätten bei allem guten Willen nicht das, was er leistete, zu Stande bringen können. Dass der Arbeit keinerlei Schwierig- keiten von der Bevölkerung bereitet oder, wenn solche auf- tauchten, sie ohne Weiteres unschädlich gemacht wurden, dafür hat die ottomanische Regierung, der wir auch dafür zu danken haben, auf das Wirksamste gesorgt. Der Kaimakam von Pergamon, Dschawid - Bey, dem wir von Seiner Hoheit Kiamil- Pascha besonders empfohlen waren, der Commissar, Bedri-Bey, dessen Beigabe wir Sr. Excellenz Uamdy - Bey verdankten, und. überall wo es Not that, zu unserer Unter- stützung bereit, der Epistat der Altertümer von Pergamon, Herr Dimitrios Tscholakidis, waren dafür immer am Platze.

Um die archäologischen Gesichtspunkte bei der Aufnahme wahrzunehmen blieb ich bis zum 1. November in Pergamon. Dem Magistrate meiner heimatlichen Residenzstadt Hanno- ver dankten wir es dann, dass schon von Anfang Oktober an unser pergamenischer Mitarbeiter von früher, der Direktor des Kestnermuseums Herr Schuchhardt , mir zur Seite treten und nach meiner Abreise bis zum Schlüsse der Arbeiten in Pergamon bleiben durfte. Er hat seine Thätigkeit auch über den Rahmen der berletschen harte ausgedehnt und auf mehr- fachen Ausflügen unsere Kenntniss des umliegenden Landes bereichert, sodann aber namentlich auf die weitere Erforschung der Wasserleitungen sein Augenmerk gerichtet. Er berichtet über alles das weiter unten selbst.

Eine nicht erwartete Aufgabe wurde uns aber noch bei un- serer Anwesenheit in Pergamon durch den Hingang Richard Bohns gestellt. Wir haben sie mit Wehmut auf uns genom- men. Ganz zu ersetzen wird nicht Alles sein, was wir mit

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Bohn an Ergebnissen seiner jahrelangen Studien der pergame- nischen Architektur zunächst verloren haben. Darauf musste aber erst einmal gleich Bedacht genommen werden, die Auf- zeichnungen Bonns, welche für den im Vordergrunde der au- genblicklichen Arbeitstehenden ersten Band der 'Altertümer' in Betracht kamen, vor den Ruinen uns so verständlich zu machen . dass sie zur Herausgabe benutzt werden könnten. Schuchhardt hatte daran gleich rechtzeitig gedacht und brachte mit Genehmigung der Generalverwaltung der K. Museen die Papiere mit sich nach Pergamon. Es handelte sich vor Allem um die schon erwähnten 'Mauerstudien', um die auf die Be- festigungsbauten gerichteten Untersuchungen, mit denen Bohn sich während der ganzen Dauer seiner Thätigkeit in Perga- mon auf das Eingehendste zu beschäftigen gehabt hatte, und durch die wir ganz wesentlich zu einer solchen Kenntniss der Entwicklungsgeschichte der Stadt gelangt sind, wie sie letzt- hin in meinem Vortrage Pro Pergamox kurz zusammen- gefasst ist. Glücklicher Weise hatte Bohn beim Schlüsse der Ausgrabungen im Jahre 1886 seine Aufnahmen der verschie- denen Befestigungsringe mit allen Einzelheiten auf sechs Blät- tern zusammengetragen und dazu bei seiner letzten Anwesen- heitin Pergamon im Jahre 1 896 das nachgetragen, was sich ihm bei der Revision ergab. Diese Blätter konnten wir nun vor den Ruinen Schritt für Schritt nachvergleichen, und von Schritt zu Schritt drängte sich die vollste Anerkennung der äusserst sorgfältigen Beobachtungen auf, deren genaue Verzeichnung uns hoffentlich in den Stand setzt, nicht allzu Viel von ihnen verloren gehen zu lassen. Handelte es sich an erster Stelle darum, das von Bohn [unterlassene bis ins Kleine zu verstehen, so führte die eingehende Beschäftigung an einzelnen Stellen auch darüber hinaus. Namentlich eine Anzahl von Turman- lagen an von der Natur des Terrains vorgezeichneten Punkten der eumenischen Mauer haben wir durch Schuchhardts Scharf- blick hinzuerkennen können, und Schuchhardt fand auch die

1 Berlin 1898. Audi im Anzeiger des Jahrbuchs des Instituts 1898 S. I70ff.

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schlagend richtige, bisher, so oft wir an dem Probleme vor- übergegangen waren, nicht gelungene Erklärung eines Rau- mes in der römischen Stadtmauer, aussen nahe unterhalb des Thores.

Es ist, wie beistehend im Grundrisse skizzirt, ein oblonger Kaum, 5,30™ breit und 3,k25m tief, überdeckt von einem Ton- nengewölbe. Die vordere Breitseite, jetzt durch jüngere Ergän- zungsbauten der Mauer bis auf einen engen Zutritt verschlos- sen, war einst ganz offen. An den andern drei Seiten läuft ein bis zu 1 ,73 m tiefer, 0,50 lu breiter Kanal um, der unter der Vor-

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derseite ausmündet, dessen Einströmungsöffnung auf der Rück- seite zwar noch zu suchen, aber sicher vorauszusetzen ist. In Abständen quer über den Kanal aufrecht gestellt sind noch die Tragplatten erhalten, welche vermutlich einst aus Holz hergestellte Sitzbänke stützten. Der Fussboden ist mit grossen <l. 15"1 dicken Platten belegt. Durch den Hinweis auf die gleichen Vorrichtungen in Pompeji, namentlich am Forum civile (Overbeck-Mau S. 7'?) hat Schuchhardt es ausser Zwei- fel gestellt, dass auch hier in Pergamon eine öffentliche La- trine sich befand '.

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